Selten war grau so schön

Auf dem Bild (v.l.): Ulrich Matthes, Manuel Harder, Lisa Hrdina, Franziska Machens, Jeremy Mockridge, Elias Arens Auf dem Bild (v.l.): Ulrich Matthes, Manuel Harder, Lisa Hrdina, Franziska Machens, Jeremy Mockridge, Elias Arens Fotos: Arno Declair

Grau wohin man sieht. Sehr gepflegtes Grau. Keine Farbe könnte besser passen zu diesem sehr distinguierten Menschenfeind, den Ulrich Mathes in Molières gleichnamiger Komödie auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin glänzen lässt.

   Die ganz auf das Spiel der Worte reduzierte Inszenierung von Anne Lenk steht nicht von ungefähr bereits im vierten Jahr auf dem Spielplan, das Coronajahr 2020 eingerechnet.

   Allein schon Florian Lösches Bühne ist ein echter Hingucker. Ein Vorhang aus grausilbern schimmernden Gummisträngen begrenzt die zum Zuschauerraum hin leicht abgeschrägte Spielfläche wie ein hermetisch abschließendes Korsett. Indes wirkt es nur optisch so. Man kann hindurch und herein schlüpfen, sich darin verfangen und mit den dehnbaren Seilen spielen. Diese Bühne also symbolisiert den Inhalt des Stückes. Denn sie ist das Refugium der jungen Witwe Célimène. Und zugleich der Salon, in dem sich die unterschiedlichsten Charaktere präsentieren - und dabei auch entlarven dürfen. Der alte Hagestolz Alceste begibt sich von seinem Anspruchsdenken her in Feindesland - und meint, er streite sich auf heimischem Revier.

   Tatsächlich lässt Anne Lenk zwei ganz unterschiedliche Lebensentwürfe aufeinandertreffen. Ein Relikt der dominanten Männergesellschaft sieht sich plötzlich im Konflikt mit einer zu allem Unglück von ihm noch geliebten Frau, die deutlich emanzipatorische Züge trägt. Das kann nicht gut gehen. Weder damals noch heute.

   Weil die selbstbewusste junge Frau den gräulichen Alceste zwar durchaus mag; andererseits liebt sie auch das Leben, das sie endlich mal wieder genießen möchte. Alles nicht so einfach in dieser aufgeblasenen Männerwelt. Franziska Machens gibt mit ihrem frischen Temperament, wie sie immer wieder halb staunend, halb fassungslos auf das Gehabe der Herrn der Schöpfung blickt, den perfekten Gegenpol zu diesem Sammelsurium der selbstgerechten Eitelkeiten. Timo Weisschnur kann als überspannt gockelnder junger Poet Oronte ebenso wenig bei ihr landen wie die beiden adeligen Schnösel Acaste (Jeremy Mockridge) und Clitandre (Elias Arens) mit ihrem selbstgefälligen Gebalze.

 

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Arsinoé (Judith Hofmann) hat Célimène (Franziska Machens) alles andere als fest im Griff.

   Auf Seite der Frauen versucht die altjüngferliche Arsinoé in Gestalt der personifizierten Moraltante Judith Hofmann bei Alceste zu punkten. Erntet indes nur wohlgereimte Gemeinheiten. Auch im mit verbalem Florett gefochtenen Rededuell mit Célimène geht sie als Verliererin vom Feld.  Als beobachtendes Paar fungieren Éliante, die Lisa Hrdina mit resoluten, bodenständigen Zügen gibt, und Alcestes Freund und Klagemauer Philinte. Er ist bei dem mit souveräner Skepsis agierenden Manuel Harder in besten Händen.

   Am Ende hat der Menschenfeind mit seinen absoluten Forderungen nach Anstand, Verzicht und Einsamkeit, in der nach seiner Lesart nur gegenseitige Achtung möglich ist, Célimène in die Flucht getrieben. Für sie sieht Freude am Leben anders aus. Er verschwindet ebenfalls flugs durch die Seile, ebenso flugs gefolgt von Philinte und Éliante. Man kann ja nie wissen, was der misslaunige Herr noch anstellen könnte. Mit diesem offenen Ende im Kopf, ist eines jedenfalls ganz klar: Selten war grau so schön.

   Info: Nächste Aufführung Montag, 2. Mai, 20 Uhr, www.deutschestheater.de

 

Wolfgang Nußbaumer

(22.03.2022)      

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