Wo die Zuneigung mit Zähnen knirscht Empfehlung

Sylvana Krappatsch gibt der Mutter Christine eine hoch differenzierte Gestalt. Sylvana Krappatsch gibt der Mutter Christine eine hoch differenzierte Gestalt. Foto: Katrin Ribbe

Ja, Simon Stephens hat mit „Am Ende Licht“ ein Familienstück geschrieben; keines jedoch für die Familie. Marke Friede, Freude, Eierkuchen.

   Immerhin beginnt es mit dem Tod der Mutter und endet mit deren Beerdigung. Trost spendet sie selbst, weil sie permanent durch die mit großen und kleinen silberfarbenen Kugeln bestückte Bühne des Stuttgarter Staatsschauspiels huscht. Mutter Christine ist in Elmar Goerdens Inszenierung, die der Vorlage exakt folgt, immer und überall.

   Leibhaftig oder nur in ihrem Kopf, fragt sich die alleinerziehende Tochter Ashe, als sie ihr begegnet. Die Antwort bleibt offen, als sich die Tür zum Kinderzimmer schließt, wo sie ihren Enkel sehen will. Wem begegnet das Publikum noch in dieser Familienaufstellung? Tochter Jess, einer lebenshungrigen Volksschullehrerin, die sich in ihren Sexpartner Michael verliebt. Dem schwulen Sohn Steven, der Angst hat, dass ihn sein Freund Andy verlässt. Schließlich dem ziemlich schmierigen Ehemann Bernard, der sich gerade bereit macht, seine im Getränkemarkt einer Hirnblutung erliegenden Gattin mit zwei jungen Frauen zu betrügen.

   Als Dramatiker muss man das sogenannte wahre Leben etwas aufpeppen, um daraus Bühnenstoff saugen zu können. Andererseits kommt den Zuschauerinnen und Zuschauern im Corona bedingt nur knapp besetzten Saal das Treiben doch ziemlich bekannt vor. Stephens‘ Stück bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen kitschiger Kolportage und messerscharf gnadenloser Beobachtung, wobei das schmale Band der Empathie das Geschehen dauerhaft umschließt. Sie küssten und sie schlugen sich - immer in der Angst vor dem Verlust, immer in der verzweifelten Suche nach Zuneigung.

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Ashe (Nina Siewert) kriegt's angesichts ihrer Probleme als allein erziehende Mutter beinahe in den Kopf. Während das Ensemble ihr körpersprachlich signalisiert, warum soll es dir besser gehen als uns.

 

   Es beginnt mit Sylvana Krappatschs großem Monolog, in dem sie ausdrucksstark Christines Sterben und dessen Ursache beschreibt. Anschließend verschwindet der transparente Getränkeshop im Bühnenhimmel. Möglicherweise hat sie sich zu Tode gesoffen. Keine seltene Art, nicht nur auf Englands verarmtem flachen Land, sich das triste Leben schön zu trinken. Im fliegenden Szenenwechsel und im Gewimmel der um fünf farbige Exemplare ergänzten Kugeln des Bühnenbilds von Silvio Merlo und Ulf Stengl erlebt man das Hin und Her, das Auf und Ab der einzelnen Personenkonstellationen wie auf einem Billardtisch.

   Klaus Rodewald gibt den Gatten Bernard dickbäuchig mit langen ungepflegten Haaren als egomanischen Kotzbrocken, der sich mit den durchaus berechnenden Mädels Michaela (Marietta Meguid) und Emma (Therese Dörr) in einem Hotel verlustieren möchte. Die Lehrerin Jess ist in Katharina Hauters Interpretation eine ziemlich aufgedrehte Frau, die sich schwertut, mit dem nächtlichen Sex klarzukommen, den sie mit Michael gehabt hat. Ihn zeichnet Sebastian Röhrle leicht angespannt abwartend auf das, was mit Jess noch auf ihn zukommen wird. Es lohnt sich.

   Eine großartige Leistung bietet Jannik Mühlenweg als innerlich total aufgewühlter Steven, der weit mehr Lust auf Andy als auf sein Jurastudium hat. Umgekehrt wäre es besser, weil ihm der alerte und in der Darstellung Marco Massafras reichlich selbstgefällige Partner zunehmend die kalte Schulter zeigt. Der ehemalige Junkie Joe (Peer Oscar Musinowski) beißt mit seiner flehenden Bitte um Zuneigung bei seiner Ex Ashe auf Granit. Sie will Kohle für ihr Kind von ihm und keine leeren Versprechungen.

   Diese Ashe der Nina Siewert ist eine starke Frau, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube macht und der Sorge um die Bewältigung des alltäglichen Daseins auch lautstark Luft verschafft. Logisch, dass nur sie es sein kann, die am Ende die Trauerrede für die tote Mutter halten wird. Sie probt dafür im Angesicht des Publikums. Ein starker Abgang.

   Info: Nächste Aufführungen So., 9.1.22, 19.30 Uhr; So., 23.1., 18 Uhr; So., 27.2., 15 Uhr; www.schauspiel-stuttgart.de 

Wolfgang Nußbaumer 

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