Einzigartiger Grenzgänger Empfehlung

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Der Klavierstimmer Eugen Mößner bei der Arbeit. Der Klavierstimmer Eugen Mößner bei der Arbeit. Foto: Sammlung Hermann Mößner

Der gebürtige Aalener Poet und Sound-Künstler Martyn Schmidt hat mit dem Hörpoem „kammerton a’a“ seiner Heimatstadt den Puls gefühlt.

   Als „ein einzigartiger Grenzgänger zwischen Sprache und Musik, zwischen Klang und Lyrik“ ist Martyn Schmidt gerühmt worden. Mehr noch. Er könne es mit den Besten der deutschsprachigen Gegenwartslyrik aufnehmen. Ob sich der gebürtige Aalener deshalb das „y“ in seinem Vornamen gegönnt hat? Damit man ihn nicht mit anderen Schmidts mit dem Allerweltsvornamen Martin verwechselt? Zum Beispiel einem Fußballtrainer aus der Schweiz. Schmidt lächelt. Der Martyn sei eine polnische Schreibweise. Und sein Vater habe polnische Wurzeln.

   In einer neuen Arbeit hat er seine Heimatstadt zum Thema gemacht. Mit einem vielschichtigen „Hörpoem“. Das seinen Ruf als Außenseiter, der gerne zwischen den Stühlen Platz nimmt, nachhaltig unterstreicht. „kammerton a’a“ nennt er das Werk. Bereits der Titel lädt zu mannigfaltigen Assoziationen ein. Dazu später mehr.

   Der Künstler Schmidt kommt aus der Lyrik. Sie bietet meist diverse Deutungen an. Insofern denkt er durchaus traditionell, wenn er ein Gedicht wie eine Notenpartitur und dessen Sprache als Musikerlebnis empfindet. Im Aalener Fall hat er in das Poem noch Geräusche eingestreut. Wie zu Zeiten, als er als „ein Pionier der Sample-Poetry“ auf sich aufmerksam gemacht hat. Da hat der gelernte Musikjournalist seine Vorträge mit kleinen Musikschnipseln, also Samples gewürzt. Der Dichter in ihm hat sich immer mehr in Richtung Musik orientiert, schildert er seinen Weg. Hin zu fragilen Klängen, die Poesie zum Ziel haben; wie die Lyrik.

   Fragile Klänge, Poesie – kurz ist da der Weg zur Stille. Sie treibt ihn um. In Vorträgen sucht er diesem Phänomen nahe zu kommen. Sie werfe einen auf sich selbst zurück. Man spüre sich intensiv – wenn man bereit ist, deren Potenzial als kreativen Moment zu nützen. Stille ist für Martyn Schmidt „das weiße Papier, auf das wir unsere Lebensentwürfe eintragen“.

   Die Stille und Vertrauen gehören zusammen. Ohne Vertrauen wäre sein Aalen-Projekt gescheitert. Ohne Vertrauen hätte er die O-Töne zu und über Aalen vom ehemaligen Chefredakteur der „Schwäbischen Post“, Erwin Hafner, von Klavierbaumeister Klaus Striegel, von Hermann Mößner, dem Sohn des Klavierstimmers Eugen Mößner, und der Literaturexpertin Anne Kullmann nicht erhalten. „Eines hat sich zum andern gefügt“, blickt er fast verwundert zurück. Umso stärker empfindet er dieses Projekt als „Liebeserklärung an Aalen“.

   Das spannendste und berührendste Erlebnis war für ihn die postume Begegnung mit Fanny Kahn. Als einzige der wenigen Juden in Aalen ist sie 1942 ein Opfer des Holocaust geworden. Im Booklet zur CD erinnert Schmidt daran, dass sie nach dem frühen Tod ihres Mannes Klavierunterricht gegeben hat, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Geräuschaufnahmen zu ihrem Stück hat der Künstler an ihrem einstigen Wohnort in der damaligen Kocherstraße (heute Oesterleinstraße) und am Fanny-Kahn-Weg gemacht.

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   Das Klavier zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Hörstück. Martyn Schmidt beschreibt dessen Konzept so: „Die einstige Aalener Klavierfabrik Haegele (1866 - 1973) in der Bahnhofstraße diente von Mai 1945 bis 1947 als ein Ort der Spruchkammerverfahren (Entnazifizierung). Aalens erster Nachkriegsbürgermeister Karl Otto Balluff, der heuer 125 Jahre alt geworden wäre, war gelernter Klaviermechanikmacher. Neben der Klavierfabrik machen für Schmidt nicht nur zeitgenössische Pianisten wie Edgar Mann, Elias Opferkuch, Hans-Roman Kitterer und Claus Wengenmayr Aalen zu einer „Klavierstadt“. Er nennt ausdrücklich auch den Literaten, Komponisten und Pianisten Christian Friedrich Daniel Schubart.

   „Im 75. Gedenkjahr des Kriegsendes zeichnet „kammerton a'a“ auf poetische Weise ein Bild, wie die Stadt Aalen 1945 und in den Folgejahren gleich einem Klavier neu gestimmt und repariert wird: Das Spannen neuer Saiten und neues Spiel der Klaviatur entlockt der Nachkriegsstadt erste demokratische Melodien. Im besonnenen Stimmvorgang und im Justieren der Schrauben der soziokulturellen Mechanik wird auf der Ostalb der Nach-NS-Zeit der Weg frei für einen Klang der Freiheit, der bis heute in die Resonanzräume von Frieden und Demokratie nachhallt.“

   „Zentrales Klangmaterial sind Klänge, Korpus, Knarzen, Mechanik und Bauteile eines Aalener Haegele-Klaviers, dazu die Arbeitsgeräusche aus einer Klavierwerkstatt sowie Field Recordings (Vor-Ort-Aufnahmen). Die Klänge des Haegele-Klaviers wurden bisweilen durch modernes, digitales Sound Processing tontechnisch bearbeitet und verfremdet und dem Instrument so neue Klangwelten entlockt. An einigen Stellen wird sogar historisches Audiomaterial aus dem Nationalarchiv der Vereinigten Staaten, der National Archives and Records Administration (Washington) verwendet.“

   „kammerton a’a“ spielt auf die „Spruchkammer“ und zugleich auf den Ton a‘, das eingestrichene „a“ an. Und beide Buchstaben zusammen auf das Kürzel von Aalen. Martyn Schmidt ergänzt die Aufnahmen mit Wortbeiträgen, zum Beispiel mit der Rezitation einer Passage aus dem Klavierbau-Standartwerk »Taste und Hebeglied des Klaviers« (1920) von Dr. Walter Pfeiffer.

   Sein Werk endet mit einer Aufnahme der Glockenschläge des Mahnmals auf der Schillerhöhe und Abendklängen der im Tal liegenden Stadt.

 

Wolfgang Nußbaumer 

     

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