Die Schwalbe war‘s Empfehlung

Friedemann Vogel beim Pas de Deux mit dem Gefäß, das Hölderlin verkörpert. Friedemann Vogel beim Pas de Deux mit dem Gefäß, das Hölderlin verkörpert. Foto: Bernhard Weis

Pallaksch? Ein Lieblingswort Friedrich Hölderlins.

   Wenn der Dichter in seinem Turm in Tübingen genug vom Besuch hatte, sein müder Geist erschöpft war, beschied er mit diesem Ausdruck, seine Ruhe haben zu wollen. „Pallaksch“ konnte auch Ja oder Nein bedeuten, wie das Programmheft zur „Hölderlinnacht“ am Schauspiel Stuttgart erklärt. Nach dreieinhalb abwechslungsreichen Stunden kann es nur eine Antwort geben: Ja!

   Dass der Verfasser des Briefromans „Hyperion“ wenige Jahre später an Schizophrenie erkrankt war, spielt für die herausragende Qualität seiner Dichtkunst keine Rolle. Lichte Momente gab es wohl genug, wie aus den Redebeiträgen einer Runde von Autorinnen und Autoren hervorging. Sie hatten sich für diese Auseinandersetzung mit dem vor 250 Jahren geborenen Dichter zum Abschluss des Hölderlinjahres 2020 in eigenen Texten vorbereitet. Insofern stehen sie in einer Reihe mit Gottfried Benn, Günter Eich und Paul Celan.

    Für diese Hommage an ein poetisches Genie hatten sich einmal mehr Staatsoper, Ballett und Schauspiel zusammengetan; diesmal in Kooperation mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und dem Literaturhaus Stuttgart. Eine solche Truppe kann wahrlich dicke Bretter bohren. Zu ihnen türmt sich Hölderlins Dichtung, wie in Exegese, Rezitation und Musik deutlich wurde. Am schönsten jedoch in einer Beschreibung ganz ohne Worte.

    „frei sei’n, wie Schwalben“ zitiert der junge Choreograph Alessandro Giaquinto programmatisch den Dichter. Und der grandiose Friedemann Vogel zeigt zusammen mit Rocio Aleman, Mackenzie Brown, Daniele Silingardi und Edoardo Sartori in superben Tanzfiguren bis zum Flügelschlag der Arme was gemeint ist. Als Friedemann Vogel sich den schwarzen Inhalt einer Vase, die von Beginn an auf der Bühne ruht, über Kopf und Körper gießt, schließt sich symbolisch der Lebenskreis des Dichters.

   Mit stilistisch ganz unterschiedlichen Sprachbildern versuchen Büchner-Preisträger Jan Wagner, die mehrfach ausgezeichnete Autorin und Übersetzerin Dagmara Kraus, ihre ebenfalls mit renommierten Preisen geehrte und in Wien lehrende Kollegin Monika Rinck und der handfest-selbstironische Heidelberger Alt-Rapper Frederik Hahn alias Torch leibhaftig sich mit eigenen Werken Hölderlin anzunähern. Per Video zugeschaltet sind der österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz und die zurzeit an ihrer Habilitation arbeitende Rapperin Lady Bitch Ray, während der aus Sri Lanka stammende Romancier Senthuran Varatharajah krankheitshalber lesend durch den Schauspieler Felix Strobel vertreten wird. Ans Mikro bittet Jan Bürger vom Marbacher Literaturarchiv, der zusammen mit der Literaturkritikerin Beate Tröger die Runde moderiert, noch die Schauspielerinnen Anne-Marie Lux und Anke Schubert. Gesprochen entfaltet das geschriebene Wort eine erhellende, auch verwirrende Dimension. Passend zum Abend. 

   Die Hölderlins Poesie durchziehende Musikalität verlangt wohl nach zeitgemäßer Interpretation. Detlev Müller-Siemens hat die Gedichte „Die Aussicht“ und „Aussicht“ vielschichtig vertont; die Sopranistin Esther Dierkes hat sie zur Klavierbegleitung durch Virginie Déjos gesungen. Ihre Kollegin Carina Schmieger hat zusammen mit Christopher Schumann am Klavier die von Hauke Berheide komponierten drei Lieder „Hälfte des Lebens“, „Heimat“ und „An die Parzen“ ebenfalls mit hohem Einfühlungsvermögen interpretiert.

   Was bisher geschah? Halten wir es mit Jan Wagner. Dieser hat zwar aus dem Garten am Hölderlinturm eine Quitte gepflückt – sein Gedicht „Hölderlins Quitte“ indes endet mit dem Fazit „der gelbe Duft der Quitte, die nicht da ist“. Imagination ist alles, selbst im Konkreten.

   Der große alte Mann des Stuttgarter Schauspiels, Elmar Roloff, lässt in seiner luziden Lesung zum den Abend krönenden Abschluss Frühling, Sommer, Freundschaft und den Neckar in späten Gedichten Hölderlins zum Erlebnis werden. Viel dankbarer Beifall.

 

Wiolfgang Nußbaumer

                   

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