Achtung Plüschtier

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Achtung Plüschtier

Ein smartes Hightech-Plüschtier erobert die Welt. Jeder will es haben. Ein Wesen zum Kuscheln und zum Liebhaben, das gleichzeitig eine Verbindung zur Welt vermittelt.

    Die schöne Illusion, dass ein anderer Mensch irgendwo auf der Welt, Interesse an dir hat, an deinem Leben teilnimmt, für dich da ist, auf dich wartet, lässt eine Beziehung entstehen. Voyeuristisch, amourös, - kriminell? Eine Spysoftware, die übers Internet Einblick in die intimste Sphäre eines Menschen erlaubt?

    Das Plüschtier (Kentuki) hat einen Besitzer, in dessen Wohnung es sich aufhält. Der Besitzer erweckt es zum Leben, indem er es auf seiner Ladestation auflädt. Dann ist da noch der große Unbekannte aus dem Internet, der User, der das Tierchen von seinem Tablett aus steuert. Der Kentuki hat eine eingebaute Kamera hinter den Augen, mit der die Umgebung gescannt wird. Auf Rollen bewegt es sich, gesteuert von fremder Hand. Sein Mikrophon nimmt die Worte seines Besitzers auf und übersetzt diese bei Bedarf für den User auf der anderen Seite des Globus. Das Tandem von Besitzer und User kann jedoch nicht direkt miteinander kommunizieren.

   Die Technik, um die es in diesem visionären Roman der argentinischen Schriftstellerin Samanta Schweblin geht, ist längst Realität. Als Erzählvehikel ist sie ein genialer Einfall der in Berlin lebenden Autorin. Der Leser nimmt teil am Leben ganz verschiedener Menschen quer durch den Erdball. Alina im Künstlercamp in Brasilien setzt ihrem Kentuki klare Verhaltensregeln. Wo darf er sich bewegen und wann. Wo hat er überhaupt nichts verloren? Wenn Freund Sven da ist, wird er zunächst eingesperrt.

   Emilia, der einsamen alten Frau in Peru, hat der in Hongkong arbeitende Sohn die Verbindung zu einem Kaninchen-Kentuki geschenkt. Spannend sind die ersten Schritte der Verbindungsaufnahme. Die führt zu einer jungen Frau namens Eva in Erfurt. Mütterlich-beschützende Gefühle entwickelt Emilia für das deutsche Mädchen. Der Übersetzer lässt sie teilhaben, was Eva sagt. Dann wird sie Zeugin, wie ein Mann Geld aus Evas Portemonnaie klaut. Was tut die Zeugin Emilia, wie kann sie Eva helfen?

   Die Erfahrungen mit den Kentukis werden zum Gesprächsstoff auch unter Freunden. Emilia lässt ihre Bekannten wissen, was sie Neues erfahren hat durch ihren Kentuki, den sie mehrere Stunden am Tag verfolgt. Mutter und Sohn haben dadurch ein neues Gesprächsthema gefunden. Der Sohn zeigt Interesse an den Fortschritten der Mutter im Umgang mit der Technik und dem, was diese offenbart.

   Ein Kentuki im Kinderzimmer? Ein idealer Babysitter? Oder öffnet sich da nicht eine gefährliche Tür für Pädophile? Enzo in Rom mit Sohn Luca wird umsichtig unterstützt von seinem Kentuki, bis ja bis erhebliche Zweifel an den Absichten des hilfsbereiten Mannes hinter dem Kentuki in Maulwurf-Gestalt auftreten.

   Grigor in Serbien hat eine clevere Geschäftsidee. Er vermittelt per Anzeige quasi als Matching-Agentur einen passenden User zum Besitzer. Er und seine Assistentin werden durch ein von ihnen gesteuertes Kentuki Zeuge einer Entführung eines jungen Mädchens mitten im Dschungel. Mit viel detektivischer Recherche gelingt es ihnen, das Mädchen befreien und wieder zu seiner Mutter heimkehren zu lassen. Ein happy end ? - im Gegenteil, das Mädchen wird neu verschachert.

   Wie kann es auch anders sein, es organisiert sich eine Initiative zur Befreiung der Kentukis. Die vielschichtige Beziehung zwischen Mensch und seinem Plüschtier zeigt alle Facetten menschlichen Verhaltens bis zur grausamen Verstümmelung und Zerstörung. Ein Kentuki stürzt sich nach dem Tod seines Besitzers aus Solidarität und Trauer vom Balkon in Buenos Aires. Andere User, die über ihre Plüschtiere in ein Pflegeheim geraten sind, wo sie eigentlich die pflegebedürftigen Alten aufmuntern sollten - so die Intention der Pflegeleitung, büxen aus und beenden die Verbindung.

   Einblick ins Leben anderer lässt die Autorin mit der smarten Idee zu. Gleichzeitig gelingt ihr eine Studie über menschliche Interaktion. Schweblins Sprache auch in der Übersetzung aus dem argentinischen Spanisch von Marianne Gareis ist feinfühlig und auch über 252 Seiten unterhaltsam.

   „100 Augen“ von Samanta Schweblin. Suhrkamp Verlag. 22,—EUR

   Helga Widmaier

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