Finstere Machenschaften

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Finstere Machenschaften
 
 
Eine Steuer-CD. Ein Wirtschaftskrimi auf dem Schauplatz Liechtenstein.
   Gespannt greift der Leser zum Roman. Und ist zunächst enttäuscht. Eine Kindheit im Fürstentum. Die Mutter Spanierin und liebevoll im Umgang mit den drei Kindern. Der Vater, Liechtensteiner, verdient sein Geld als Fotograf und das ganz erfolgreich. Der ich-Erzähler, Johann Kaiser, beschreibt mit Erwachsenenaugen seine Kindheitserfahrungen. Das führt zwangsläufig zu Diskrepanzen. 
 
   Der Autor Benjamin Quaderer kommt hier mit der Erzählhaltung über das erste Drittel des Romans nicht gut klar. Sein Erstling ist ein ambitioniertes Projekt. Die gefühlt lange Kindheit des unangepassten Jungen Johann schafft es nicht, den Leser wirklich zu fesseln und in den Roman hineinzuziehen. Der Junge ist ein Einzelgänger, der gerne einen Freund hätte. Er möchte sich die Freundschaft des Nachbarjungen erkaufen mit einem Moped, das dieser sich so sehr wünscht. Er hilft in einem Laden, um das Geld zusammenzusparen. Am Ende klaut er diesem Freund das Moped (ein Weihnachtsgeschenk der Eltern) und reißt damit aus. Man sollte es nicht für möglich halten: er kommt bis Barcelona und sucht seine Mutter.
 
   Ein Verhaltensmuster durchzieht stetig Johanns Kindheit und Jugend. Er will sich Leute gewogen machen mit großen Geschenken, die er sich gar nicht leisten kann. Er gibt vor, ein anderer zu sein, um akzeptiert zu werden. Sein Hochstaplertum geht auf Kosten seines Charakters und bringt ihn in Schwulitäten. 
 
   Nach einer Familientragödie gelangen er und seine beiden älteren Zwillingsschwestern in das Waisenhaus des Fürstentums. Immer wieder findet er Gönner, die ihm weiterhelfen. Sei es die Fürstin Gina, der Bergsteiger oder eine Klosterschwester in Barcelona. Er liest viel und ist eigentlich ein intelligenter Schüler, der jedoch seine Schulkarriere in Barcelona aus einem Impuls heraus vorzeitig beendet und ins heimische Liechtenstein zurückkehrt. Dort beginnt er eine kaufmännische Lehre in einem Reisebüro, macht eine Weltreise, kriegt überraschend einen Job bei der Swiss Air und schließlich wird er im Liechtensteiner Bankenprojekt eingesetzt, um Kundendaten zu digitalisieren. 
 
   Dabei gerät eine Sicherungskopie versehentlich in seinen Rucksack. Er vergisst, diese wieder an ihren Platz zurückzustellen. 
 
   Später macht er üble Erfahrungen mit den Eltern seines Mitschülers in Barcelona, die in ihm den reichen Erben der HILTI-Dynastie sehen, ihn finanziell ausnehmen, mit üblen Methoden erpressen und schließlich in Argentinien brutal foltern lassen. Zum Verhängnis wird ihm seine Gutgläubigkeit und sein Bedürfnis, anderen aus der Patsche zu helfen. Arglos lässt er sich auf eine Geburtstagseinladung eines vermeintlichen Freundes auf dessen Hazienda nach Argentinien ein. Diese traumatische Erfahrung und sein langer vergeblicher Kampf um Gerechtigkeit, nutzt der Autor als Motiv seines später sympathisch geschilderten Protagonisten für die Weitergabe der für die ausländischen Kunden und das Bankgeschäft des Kleinstaates peinlich-desaströsen Steuerdaten. 
 
   Aus dem argentinischen Albtraum entkommen, arbeitet Johann akribisch die Unterlagen für den Gerichtsprozeß auf, mit dem er seine Folterer verurteilt sehen möchte. Statt dass ihm das Gericht Genugtuung verschafft, kehren seine Peiniger den Spieß um, und nun ist aus dem Opfer plötzlich ein Krimineller geworden, der mit internationalem Haftbefehl gesucht wird. Immer wieder werden amtliche Zusagen Johann gegenüber nicht eingehalten. 
 
   Als Druckmittel benutzt er in seiner Ausweglosigkeit schließlich seine entwendeten Daten. Deren Echtheit wird zunächst angezweifelt. Taktisch geschickt überzeugt er den Fürsten schließlich von seinen integren Absichten und seinem Wunsch nach Gerechtigkeit. Ein Machtspiel beginnt. Die Story nimmt Fahrt auf und zieht den Leser in ihren Bann. Der Fürst heuert einen Psychologen an, dessen Vorschläge der machtbewusste Fürst und seine Banker immer wieder konterkarieren. 
 
   Aus der Sicht dieses Psychologen werden die Ereignisse geschildert in roter Schrift, parallel dazu beschreibt der Ich-Erzähler die Geschehnisse in Schwarz. Ein Vertrauensbruch besiegelt das Ende des Verhältnisses zwischen Johann und seinem psychologischen Unterhändler.  Der Psychologe stiehlt Johanns Geschichte und macht daraus einen Bestseller. Wütend beschließt der getäuschte Johann seine Geschichte selbst zu schreiben und das in einer literarisch besseren Sprache als es der hölzernen Prosa des Psychologen aus der Feder geflossen ist.  Das wird ein längeres Unterfangen, mit dem er sich im Zeugenschutzprogramm beschäftigt, nachdem er die Unterlagen an den deutschen Verfassungsschutz, die Finanzbehörden und die Politik weitergegeben hat. Die Daten lösen ein mittelschweres Erdbeben aus. Namhafte scheinbar ehrbare Männer sehen sich plötzlich als Steuerbetrüger an den Pranger gestellt. Großrazzien und Hausdurchsuchungen überraschen zum Beispiel den Vorsitzenden der Deutschen Post in seinem Wohnhaus. In Handschellen wird er abgeführt, mit Medienpräsenz vor Ort wird das Spektakel dokumentiert.
 
   Sprachlich ist der Roman geglückt. Die Perspektive des erwachsenen Johann als Ich-Erzähler ist stimmig. Längen besonders im ersten Drittel sind störend. Die geschwärzten Stellen sind ein Stilmittel, das den tatsächlichen Aufenthaltsort im Zeugenschutzprogramm verdunkeln soll. Na ja, auch das ist ein bisschen dick aufgetragen. Der Autor hat viel Recherchearbeit geleistet und als Quelle angegeben, um seine Fiktion in wirkliche Zeitereignisse einzubetten. Das Geschäftsmodell der Steueroase wird rundum ausgeleuchtet. Die Rechtfertigung des absolutistischen Fürsten und seiner Banker als gefällige Handlanger des Staatsunternehmens, das seine Nische gefunden hat und die Gesetze der Nachbarstaaten zu seinen Gunsten nutzt, wird authentisch dargestellt.
 
Benjamin Quaderer, Für immer die Alpen. München: Luchterhand 2020, 585 Seiten
 
Helga Widmaier
 
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