Vier starke Frauen

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Vier starke Frauen
Vier außergewöhnliche Frauen kämpfen im 20. Jahrhundert für ihre Vorstellung von Freiheit.
   Inmitten des 2. Weltkriegs als Flüchtlinge oder Widerstandskämpferinnen begegnet der Leser Simone de Beauvoir, Hannah Arendt, Simone Weil und Ayn Rand. Ihr abenteuerliches Leben in wirren Zeiten, ihr persönliches Umfeld, ihr politisches Streben bilden gleichermaßen eine spannende Erzählung wie eine Einführung in die widersprüchlichen geistigen Strömungen der Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts.
 
   Simone Weil erkennt sehr früh die frappierende Ähnlichkeit von Nationalsozialismus und Stalinismus. Beide extremen Ausprägungen des Totalitarismus bilden für die meisten Zeitgenossen die zwei gegensätzlichen Pole von Gut und Böse. Zwischen den Polen scheiden sich die Geister. Der Blick der Adepten wird blind für die Unzulänglichkeiten des ideengetragenen Konzeptes, das die Menschheit im Sinne einer gesellschaftlichen Erneuerung zum Besseren zu führen verspricht. Weil legt den Finger auf deren Geburtsfehler und deckt die Widerwärtigkeiten und Irrwege der Systeme auf.
 
   Sie hilft dem von Stalin verfemten Trotzky und streitet dennoch heftig bis unversöhnlich mit diesem, wenn es um theoretische Standpunkte geht. Simone Weil bezieht vorbehaltlos Stellung für die Menschlichkeit. Die Entrechteten und Leidenden sind ihr die Nächsten. Das Individuum und seine Freiheit darf keinem Kollektiv geopfert werden. Sie verkörpert diese Überzeugung in ihrem Leben. Sie teilt ihren Lehrerinnenlohn mit anderen und behält nur ein Überlebensminimum für sich selbst zurück. Sie streitet in der Gewerkschaft für die Rechte der Arbeiter, sie kämpft im spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der internationalen Brigaden, sie setzt sich in London für den französischen Widerstand ein und hungert sich schließlich zu Tode. 
 
   Simone de Beauvoir entwickelt mit ihrem Partner Jean Paul Sartre den Existentialismus. Sie erfindet eine neue Lebensform für sich, die ihrer bürgerlichen Herkunft fremd ist. Die beiden, Beauvoir und Sartre genügen sich anfänglich selbst. Das Ich und der Andere. Mehr brauchte es nicht. Erst allmählich lässt das absolut gesetzte Ich weitere Ichs zu. Der Freundeskreis diskutiert und entwickelt die Thesen der beiden nonkonformistischen Denker mit. Eilenberger begleitet uns mit den beiden und ihrer erotischen Entourage durch Pariser Cafés und Hotelzimmer. Individualismus und Freiheit bilden die zentralen Punkte ihres Denkens und Strebens. Ihre Freundschaft ist der Nukleus ihrer beider Denkentwicklung. Dennoch verlaufen ihre Gedankenentwicklungen nicht kongruent und parallel. Sartre reüssiert als Literat wie als Philosoph. Beauvoir findet erst später zu ihrem radikal-feministischen Ansatz.Sie anerkennt schließlich die Freiheit des eigenen Bewusstseins inmitten anderer freier Bewusstseine. 
 
   Hannah Arendt erkennt in Frankreich, dass ihre jüdische Herkunft doch von Bedeutung für sie ist. Die Philosophieschülerin von Martin Heidegger und Karl Jaspers ist zur Emigration aus Nazideutschland gezwungen. Sonst hätte das Konzentrationslager gedroht. Die Franzosen nehmen sie zunächst auf, doch später unter der Marionettenregierung von Vichy wird sie wie ihre verfolgten Landsleute interniert. Mit seltener Klarsicht erfasst sie die Logik der Vernichtungsmaschinerie. Das Individuum wird seiner Individualität beraubt und zu einer Nummer degradiert, bis die sinnentleerte Existenz schließlich physisch vernichtet wird. 
 
   Denken lernen wollte sie bei Heidegger. Unabhängig von den Theoremen ihrer Philosophielehrer entwickelt sie ihre eigene häufig kontrovers diskutierte Anschauung. Am offenkundigsten tritt ihr eigener scharfer Intellekt zutage beim Eichmann-Prozess, den sie in Israel verfolgt. Sie erkennt, dass das Böse sich nicht als Monstrosität offenbart, sondern als kleiner Befehlsempfänger, der sich hinter Befehlen versteckt und nicht selbst denkt. „Die Banalität des Bösen“ setzt sie heftigen Anfeindungen von allen Seiten aus. Als sie sich für die Jugendbewegung der Israel-Auswanderer engagiert, erkennt sie früh die Fundamentalschwäche der israelischen Nationalstaatsidee, die folgerichtig zu Konflikten mit den arabischen Nachbarn im eigenen Land führt. Nachbarn ohne Bürgerrechte, für die es keinen Platz gibt im neu gegründeten Nationalstaat. 
 
   Ayn Rand verinnerlichte den Individualismus und die Freiheit des Individuums geradezu kompromisslos. Ihre Romane stoßen in Amerika, dem Land ihrer Zuflucht aus Rußland auf wache Ohren. Ihre Familie verlor Hab und Gut in der russischen Revolution. Ihr selbst gelang die Flucht nach Amerika. Ihre philosophischen Romane und Theaterstücke verfolgen einen radikalen Egoismus, der sich auf die eigene Urteilskraft stützt. In Amerika trifft ihre rigorose Abkehr von einem kollektiven Bestimmungsdruck auf offene Ohren. Die amerikanische Verfassung mit dem Recht jedes Einzelnen auf sein Glücksstreben gibt ihr Recht. Ihre Bücher finden enorme Verbreitung. Selbst Donald Trump - so Eilenberger - habe das radikale Ich von Rands Protagonisten Howard Roark in „The Fountainhead“ zu seinem Lieblingsromanhelden erklärt.
 
   Eine spannende Synopse philosophischer Gedankenströme abseits der akademischen Vertreter ist Eilenberger mit den vier Philosophinnen gelungen. In jedem Kapitel verschränkt er das Leben und Werk der vier Frauen, die ihren theoretischen Überlegungen getreu handeln. 
 
   Wolfram Eilenberger, Feuer der Freiheit. Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten 1933-1943. Stuttgart: Klett-Cotta 2020, 363 Seiten, inkl. Register 396 Seiten, 25.— EURO
 
Helga Widmaier
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