"Brennendes Licht"

  • geschrieben von 
  • Gelesen 60 mal
"Brennendes Licht"
Weidermann gelingt eine biographische Annäherung an die Schriftstellerin Anna Seghers im Exil 1941 -1947.
   Anna Seghers wollte eigentlich nach New York, darf aber nicht einreisen und muss weiterziehen nach Mexiko. Ihre literarischen Erfolge „Das siebte Kreuz“ und „Transit“, der Jahrhundertroman der Flüchtlinge, erleichtern der Familie das Überleben in Mexiko Stadt. Die Gesellschaft der exilierten Kommunisten fordert ihr ein Höchstmaß an Disziplin ab. Die überzeugte Kommunistin muss oft die Zähne zusammenbeißen. Sie trägt die Entscheidungen der Parteilinie dennoch mit. Entgegen aller inneren gefühlsmäßigen Impulse. Selbstschutz? Auch ihrem Sohn Peter rät sie folgerichtig zu einem parteikonformen Verhalten. 
 
   Sie, die gebürtige Mainzerin erleidet in Mexiko-Stadt einen schweren Verkehrsunfall, von dem sie sich nur allmählich wieder erholt. Unklar bleibt, ob es ein Anschlag auf ihr Leben war. Stalins Arm reicht weit. Kurz bevor Anna Seghers dem Naziterror nach Mexiko entkommen war, war Trotzky dort ermordet worden. Nach Koma und Gedächtnisverlust holt sie mühsam und mit ihr sonst fremder Offenheit Kindheitserinnerungen wieder hervor und schreibt diese in literarischer Form „Ausflug der toten Mädchen“ nieder.  
 
   Weidermann schafft es, den Leser durch seinen sprachlichen Stil regelrecht in den Sog der Erzählung hineinzuziehen.  Die 177 Seiten lesen sich auch dank des großen Schriftbildes mühelos. Das beschwerliche Leben der Autorin vermittelt er mit einem nicht nachlassenden Spannungsbogen. Ihr Weg kreuzt sich mit dem vieler Künstler und Schriftsteller. Sie begegnet Pablo Neruda, Egon Erwin Kisch und dem Maler Diego Rivera und vielen anderen. Frida Kahlos Bekanntschaft meidet sie intuitiv. Deren Extrovertiertheit stand in konträrem Gegensatz zu der persönlichen Verschlossenheit von Seghers, vermutet Weidermann. 
 
   Die Auseinandersetzung und das Ringen um die angeordnete künstlerische Form der sozialistischen Wahrheit bleibt eine beständige Herausforderung. Geheimdienste, Bespitzelungen und Abweichungen von der vorgegebenen Linie führen zu Denunziantentum, das den Einzelnen gefährdet, in seiner physischen wie sozialen Existenz. Der hermetische Zirkel der Exilierten bildet dennoch die Heimat, die eine Insel darstellt, ohne die kein Überleben für die aus ihrer Heimat Ausgestoßenen möglich scheint. Wider besseres Wissen versuchen die Exilanten dem Gruppendruck zu entsprechen, um nicht noch den letzten Halt zu verlieren.  
 
   Anna Seghers bleibt sich treu. Nein, nicht sich. Der Partei, deren Vorsitzende im Schriftstellerverband der DDR sie später wird. Sie kapselt Teile ihres Ichs konsequent ab, um der Erwartung von Partei und Gesellschaft gerecht zu werden. 
 
   Weidermann geht den Spuren von Anna Seghers in ihrem sechsjährigen mexikanischen Exil nach. Er lässt die Welt der Davongekommenen plastisch und nachvollziehbar aufleben. Also ein Weidermann, wie man ihn schätzt. 
 
   Volker Weidermann, Brennendes Licht. Anna Seghers in Mexiko. Berlin: Aufbau Verlag 2020
18.— EURO
 
Helga Widmaier
Nach oben

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.