Die Freude am Verfremden Empfehlung

Der "Schütze" und sein Schöpfer haben offensichtlich dasselbe Ziel im Blick. Der "Schütze" und sein Schöpfer haben offensichtlich dasselbe Ziel im Blick. (Fotos: -uss)

Der Dreiklang aus Plastiken, Park und Spätsommerwetter hätte auf Schloss Fachsenfeld nicht harmonischer ausfallen können.

   Zum vierten Mal ist der Bildhauer Prof. Karl Ulrich Nuss mit seinen Arbeiten hier zu Gast. Zu „Dreiklang“, die „Vier Temperamente“, den beiden frohgemut erotischen Großplastiken „Leda mit dem Schwan“ und „Europa und der Stier“ auf der Parkseite des Schlosses gesellen sich elf Tierkreiszeichen. Bis auf den „Löwen“ aus dem Jahr 2012 sind alle im vergangenen Jahr entstanden. Sie sind geprägt von Nuss‘ „Freude am Verfremden“, wie Gottfried Heubach erläutert. Die Plastiken versammeln sich – nach der Strümpfelbacher Skulpturenallee – im Park von Schloss Fachsenfeld zur größten in sich geschlossenen und zusammenhängenden Figurengruppe, die der Künstler je aufgestellt hat.

   Der bei seiner Einführung von zwei Menschenhühnern flankierte Hobbyfotograf, der den Bildhauer schon viele Jahre mit der Kamera begleitet, weist darauf hin, dass in dessen Schaffen inzwischen Tierwesen den Menschen abgelöst haben. Menschliche Attribute weisen jedoch alle Tierkreiszeichen auf, die auf einem Platz im Park zu einem Ring gruppiert sind. Die Fische haben statt Schwanzflossen Füße, der „Löwe“ einen Menschenleib, „Jungfrau“ und „Waage“ sind ebenso menschliche Abbilder wie der „Schütze“, der statt mit dem Bogen mit einem Revolver zielt.  Ein hintergründiger Reigen, der in seinen Rundungen und Krallen den eckigen Humor seines Schöpfers reflektiert.

   Mehr noch, in der augenzwinkernd vorgetragenen Einschätzung Heubachs wird „Fachsenfeld endgültig zum Mekka der Sterngucker“. Warum? Zuvor hatte er schon an ein „Sternenpicknick“ Anfang August im Schlosspark erinnert, bei dem die Gäste nicht nur Sternschnuppen beobachten konnten, sondern auch Informationen zu astronomischen Themen erhielten. Und mit dem Tierkreis kommt nun „ein neues kleines Sonnensystem im künstlerischen Universum des Karl Ulrich Nuss“ als „astrologische Sichtweise“ hinzu.

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Was mag Aalens früheren OB Ulrich Pfeifle und Fachsenfelds Ortsvorsteher Opferkuch wohl an den Füßen der "Jungfrau" interessieren?

 

   Diese ist durch und durch „nussig“. Wer auf harmonisches Schönheitsideal steht, kommt nicht auf seine Sehkosten. Vielleicht bei der „Jungfrau“ und der „Waage“. Wobei auch diese beiden Frauengestalten in ihren Proportionen der künstlerischen Gestaltungsfreiheit gehorchen. Ansonsten begegnen einem die Bronzen körperlich eher widerborstig, wie es einem Widder, einem Steinbock oder einem Skorpion auch geziemt. Und wenn der Stier statt der vorderen Klauen Hände vorweist, ist der Schluss zum Menschenmacho nicht kurz, sondern offensichtlich.

    An zwei vorangegangene Begegnungen hat sich der Vorsitzende der Stiftung und Aalens Oberbürgermeister Thilo Rentschler in seiner Begrüßung der Corona bedingt reduzierten Gästeschar erinnert. Als junger Unternehmer hatte er vor 25 Jahren den Künstler in dessen Domizil in Strümpfelbach aufgesucht, weil er das Ensemble als Bildmotiv für eine Broschüre verwenden wollte.

   Dann war da der Disput im Fellbacher Gemeinderat, wo er als Vorsitzender der SPD-Fraktion saß. Plastik des Anstoßes war eine Nuss-Schöpfung. Sein burlesker „Weingeist“ steht heute noch in der Stadt vor Stuttgarts Toren. Und nun kann sich nicht nur Thilo Rentschler über die mythischen Wesen im Park freuen. 

   Info: Inzwischen muss man sich nicht mehr einer Gruppe anschließen, um den Park zu genießen; anmelden unter info@schloss-fachsenfeld.de sollte man sich dennoch.

 

Wolfgang Nußbaumer  

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