Aus der Gegenwart lernen

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Aus der Gegenwart lernen

In zehn Kapiteln analysiert Sascha Lobo unsere komplexe Gegenwart. Seine zentrale Botschaft: Verharren wir nicht in Schockstarre. Setzen wir uns aktiv und proaktiv mit den Herausforderungen auseinander. Einfache Lösungen gibt es nicht. Doch blicken wir den Themen Digitalisierung und Globalisierung möglichst unvoreingenommen ins Auge. 

Der 44jährige Autor mit der roten Irokesenfrisur, seinem Markenzeichen, fächert seine zehn Lehren mit Humor und Hintergrundrecherche kurzweilig auf. Ein spannendes Sachbuch, das dabei hilft, unsere Gegenwart besser zu verstehen. Manchmal eröffnet er eine neue Perspektive auf die Geschehnisse, manchmal stellt er auch nur Zusammenhänge her. Die kurze Rekapitulation der Gastarbeiteranwerbung mitsamt späterer Rückkehrprämien spiegelt das konzeptionslose Hin und Her der Zuwanderungspolitik wider, die in der Doktrin gipfelte, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei. Wie die arabisch-kurdischen Clans aus dem Libanon nach Berlin eingereist sind, liest sich wie eine Kurzfassung einer verfehlten Politik und ihren sichtbar werdenden Konsequenzen.  

Wie verändert künstliche Intelligenz unsere Arbeitswelt? Was können Algorithmen besser als Menschen? Der Mensch konkurriert gegen die Maschine. Ein neues Szenario von Automatisierung tut sich auf. War es zunächst die Machine, die menschliche Handgriffe oder Erfahrungen abgeguckt hat, ist die künstliche Intelligenz um Meilenschritte weiter. Durch die lernende Mustererkennung verbessert sie sich kontinuierlich selbst und ist menschlicher Einzelerfahrung selbst eines Meisters seines Faches weit überlegen. Die künftige Arbeitswelt braucht wenige hochqualifizierte KI-Sprezialisten und eine Heerschar wenig qualifizierter Handlanger. Die Firma Kuka (heute in chinesischer Hand) hat es vorgemacht. Einfache Handgriffe können kostengünstig an Behindertenwerkstätten ausgelagert werden. Was bedeutet Arbeit denn in einer hochtechnologisierten Welt? Für Lobo ist sie „die Suche nach produktiver Erfüllung mit der Mindestanforderung, dabei nicht zu verhungern“. 

Künstliche Intelligenz auf dem Vormarsch

Künstliche Intelligenz ist überall auf dem Vormarsch. Gesichtserkennung, Gangerkennung  - der menschliche Gang ist wie der Fingerabdruck ganz individuell - , das Auftreten von spezifischen Merkmalen an bestimmten Orten wird von der niederländischen Polizei bereits genutzt zur Verbrechensprävention. Prognostik bedeutet um eine Nasenlänge vorne dran zu sein. Amazon nutzt sie, um seine in der Nähe der künftigen Besteller liegenden Warenlager entsprechend aufzufüllen. Daneben spielt die Mathematik mit dem Problem des Handlungsreisenden für die Logistik eine entscheidende Rolle. „In welcher Reihenfolge muss ein Bote die Lieferorte besuchen, damit der Anfangspunkt der Endpunkt ist, kein Punkt zweimal besucht wird und die Strecke möglichst kurz bleibt?“

Die PLATTFORM-Ökonomie entfaltet eine ungeheure Marktmacht. Eine Plattform ist eine digitale Infrastruktur, auf der zwei oder mehr Gruppen interagieren können. Längst hat sich die unwiderstehliche Möglichkeit verselbständigt und entzieht sich dem Zugriff der Ordnungsmacht.  

Regierungen drohen den Monopolen mit dem Instrumentenkasten des 19. Jahrhunderts mit Zerschlagung oder es wird am Symptom herumgedoktert. Die fehlende Regulierung zeigt sich in den Aporien der EU-Steuergesetzgebung. Der Fortschritt der Technik revolutioniert die Gesellschaft. Sascha Lobo macht deutlich, dass Politik und Gesellschaft im 21. Jahrhundert mit den Antworten des 20. Jahrhunderts hoffnungslos unterlegen sind. 

Die Medizin hat unsere DNA entschlüsselt. Nicht nur Individualisierte Medikamente auch gender- und gruppenbezogene sind nötig. Der weiße Mann taugt nicht länger als Prototyp des Menschen. Herausforderungen auf der ganzen Linie, für die es keine einfachen Lösungen gibt. Ohne eine Vielzahl von Daten gibt es keinen Fortschritt in der Medizin. Doch genau das macht uns Angst, nicht vor der Wissenschaft, aber davor dass unsere persönlichen Daten in falsche Hände geraten. Wissen ist Macht - über den Menschen. Bereits heute lassen sich im Netz verfügbare Daten über eine Person ohne deren Zustimmung zur Berechnung der Wahrscheinlichkeit einer psychischen Erkrankung, Alkoholproblemen oder Herzerkrankungen berechnen. Eine Stimmanalyse-Software ist in der Lage vieles über den Gesundheitszustand eines Menschen zu verraten.

Das chinesische Modell 

Am Beispiel Chinas zeigt Lobo eine sich rasant verändernde Welt. Nicht zuletzt ist der Stellenwert des Lernens in der chinesischen Bevölkerung mit ausschlaggebend. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat sich das Land aus massenhafter Armut und Hungersnot in eine digitale Wohlstandswelt mit wachsender Mittelschicht, Reichtumsakkumulation, allgemein verbreiteten digitalen Bezahlsystemen selbst in fahrbaren Straßenküchen (!)  und einem freizügigen Umgang mit persönlichen Daten bis zur staatlich überwachten Verhaltenskybernetik-App entwickelt, die unerwünschtes Verhalten sanktioniert. Die deutsche Schufa von 1927 stand hier übrigens Pate. Das chinesische Modell zeigt, wohin auch westliche Demokratien unterwegs sein können, langsamer zwar aber stetig. In China selbst dominiert eine uneingeschränkte Fortschrittsgläubigkeit. Das Vertrauen auf die Unbestechlichkeit der Zahlen überwiegt und lässt auf ein gerechtes System hoffen. 

Gegen den chinesischen Geschmack setzt kein Entwickler nirgends auf der Welt ein Produkt durch. Am chinesischen Massenmarkt vorbei, ist dies nicht lukrativ. 

Eine Neubewertung der Software gegenüber der Hardware hat sich in unserer digitalisierten Welt durchgesetzt. Das zeigt ein einfaches Beispiel.  Der Fotoapparat wird von der Foto-App ersetzt. Alles dreht sich um digitale Beziehungen. Daten bekommen Marktwert. Sie werden gekauft oder gehackt. Der unüberschaubaren Vielfalt der Produktangebote gegenüber ist eine rationale Kaufentscheidung überfordert. Das Bauchgefühl entscheidet. Der Markt, insbesondere der digitale Markt wird emotional aufgeladen. Drei Kriterien sind wichtig: Begeisterung, Ungeduld und Bequemlichkeit. 

Wichtige Kriterien

Begeisterung: Die Aufräumtrainerin Marie Kondo stellt nur eine Frage; „Begeistert Dich der Gegenstand?“ Wenn nicht, kann er weg. 

Ungeduld / Eile: Eine Frage stellt sich. Die Antwort wird sofort gegoogelt. Ein Melodiefetzen oder ein Musiktitel taucht auf.Der Song wird auf You-Tube unmittelbar gehört. Ein Klick weiter und der Artikel ist gekauft. Datenströme in Echtzeit zeigen den Trend an. Wichtig ist weniger der aktuell gemessene Wert z. B. der Fieberkurve oder des Blutzuckerspiegels, sondern deren Auf- oder Abwärtsverlauf. 

Bequemlichkeit: Der Erfolg der Produkte ist dann gegeben, wenn sie das Leben vereinfachen. Eine selbsterklärende Benutzeroberfläche ist entscheidend für Kauf und Nutzerfreude. Selbst der aufgeklärte Nutzer, der verhindern will, dass seine persönlichen Daten ohne Not über seine Geräte übermittelt und ausgewertet werden, gibt irgendwann auf und kapituliert vor den Voreinstellungen.  Wer über die Voreinstellungen eines technischen Produktes entscheidet, gewinnt Macht und erhält Informationen über Nutzergewohnheiten. „Nudging“, ein kleiner Anstoß wird der Versuch genannt, erwünschtes Verhalten zu generieren. 

Drei bedrohliche Szenarien beunruhigen in unterschiedlichem Maße die öffentlichen Meinung. Das Klima und dessen rasante irreversible Veränderung, die Umwelt und gravierende die Lebensgrundlage zerstörende Verschmutzung durch Plastik in den Meeren und Kontaminieren der Böden, die industrielle nicht artgerechte Massentierhaltung und nicht zuletzt die Migration, deren Routen durch digitale Information  ständig aktualisiert werden. 

Hoffnungsvoll dagegen stimmt Lobo eine informierte Jugend, die lautstark und beharrlich eine lethargische Politik und gleichgültige Öffentlichkeit auf die sich abzeichnende Katastrophe aufmerksam macht. Die auch bereit ist, ihr Verhalten zu ändern.

Lobo zeigt auf, daß die Öffentlichkeit fast immer falsch einschätze, was digital möglich ist und was nicht, wo in Zukunft Bedrohungen lauern und wo nicht. Das führe leider auch politisch häufig dazu, dass Phantome bekämpft werden, während schwierige, ambivalente oder gefährliche reale Entwicklungen kaum beachtet würden. 

Eine lohnende Lektüre auf 320 Seiten mit vielen eingängigen Beispielen und Vergleichen.

Kiepenheuer & Witsch 22 €.

 

Helga Widmaier

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