Der Schoß ist furchtbar noch Empfehlung

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Tobias Bezler (alias Robert Andreasch) hat ganz unaufgeregt und deshalb umso nachhaltiger über die Gräueltaten des rechten Terrorismus berichtet. Tobias Bezler (alias Robert Andreasch) hat ganz unaufgeregt und deshalb umso nachhaltiger über die Gräueltaten des rechten Terrorismus berichtet. Foto: -uss

„Selbstjustiz ist die neue Polizei“ hat die AfD-Jugendorganisation in einem Aufruf auf „Facebook“ gepostet. Für den Journalisten Robert Andreasch ein weiterer Beleg für die militante Staatsferne der Organisation.

   Bei einem Vortrag im Rahmen der „Friedensdekade“ vor zahlreichem Publikum im Speratushaus in Ellwangen hat er jetzt noch zahlreiche weitere Beispiele auch für tödlichen rechten Terror genannt.

   Jahrelang hat der aus Ellwangen stammende Journalist verdeckt im rechten Milieu ermittelt, bis er 2004 enttarnt worden ist. Seinen Mut als Rechercheur musste er schon mit mehreren massiven körperlichen Attacken rechter Schläger bezahlen. Er hat am eigenen Leib die Auswirkung seiner Beobachtung verspürt, wonach aggressive verbale Attacken der sogenannten „Alternative für Deutschland“ sehr häufig von echten Gewalttaten begleitet werden. Dieses Treiben dürfe man nicht dulden, geschweige denn tolerieren. Im Gegenteil. Seine Methode heißt „Stören durch Aufklären und Erhellen“.

   Er erinnert an die Blutspur, die der sogenannte NSU durch die Republik gezogen hat. Zunächst gingen die Ermittler von Auseinandersetzungen im mafiösen türkischen Milieu aus. Ob einer auf die Idee gekommen sein könnte, dass rechte Gewalt im Spiel gewesen sein könnte? Eher nicht, meint der Referent, der als Tobias Bezler in Ellwangen das Licht der Welt erblickt hat. Immerhin hat er im Umfeld des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ NSU rund 40 V-Leute eruiert.

   Seine Schilderung der von Rechtsextremisten begangenen Morde beginnt er mit jenem an dem ersten Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern, dem erklärten Pazifisten Kurt Eisner, am 21. Februar 1919 in München durch den deutsch-österreichischen Adligen Anton Graf von Arco auf Valley. Der Graf gehörte zum Dunstkreis der antisemitischen Thule-Gesellschaft. Ähnliche Geheimbünde und Zirkel beziehen sich bis in unsere Gegenwart auf diesen Kampfbund. Bezler weist unter anderem auf die 1944 von Heinrich Himmler initiierten regellos mordenden „Werwölfe“ hin, deren Namen auf den Roman von Hermann Löns „Der Wehrwolf“ (1910) zurückgeht. Auf deren Konto gehen vermutlich auch Terroranschläge auf die nach dem 2. Weltkrieg eingerichteten Spruchkammern. 

Darf man dem Verfassungsschutz trauen?

    In der Folge sind weitere völkische Organisationen wie der „Bund deutscher Jugend“, die 1973 gegründete „Wehrsportgruppe Hoffmann“, die erst sieben Jahre später verboten worden ist, die „Braunschweiger Gruppe“ um Hans-Dieter Lepzien, einen V-Mann des niedersächsischen Verfassungsschutzes, oder die „Deutschen Aktionsgruppen“ entstanden. Die Verbindungen zwischen Verfassungsschützern und neonazistischen Gruppierungen sind bis heute immer wieder Gegenstand der Kritik. Grotesk, dass solche staatlichen Institutionen ausgerechnet mit Organisationen zusammenarbeiten, vor denen sie die Bürgerinnen und Bürger schützen sollen, wundert sich nicht nur Tobias Bezler. 

   Und es überrascht einen nach seinen mit harten Fakten belegten Ermittlungen nicht mehr, dass in den Augen der Justiz „die von rechter Gewalt Betroffenen letztlich selbst schuld sind“. Wie ein jüdisches Verlegerehepaar in Erlangen, das von Neonazis vor seiner Haustür ermordet worden ist. Regelmäßig ermittle die Staatsanwaltschaft nur Einzeltäter ohne rechtes Netzwerk wie den Nürnberger Dachdecker Helmut Oxner, stellt der Referent fest. Dieser hat aus Ausländerhass im Juni 1982 in einer Disco drei Menschen erschossen und drei weitere schwer verletzt, bevor er sich selbst ins Jenseits befördert hat. Der Leiter der polizeilichen Sonderkommission meinte dazu, Oxner sei „wie alle diese Leute nicht normal“ gewesen. Zwei Münchner, bekannt als „Gruppe Ludwig“, begehen zwischen 1977 und 1984 in Italien und Süddeutschland diverse Anschläge und 14 Morde.  

   Zurück zum NSU.  An dessen Mordserie müssten jede Menge weitere Neonazis beteiligt gewesen sein. Allein die zahlreichen Ausspähungen möglicher Tatorte hätte das Trio alleine gar nicht leisten können, rechnet Bezler vor.

Die Mordpostillen

   Schließlich erwähnt er noch diverse nazistische Schriften, die zu Kultbüchern der Szene geworden seien. Im Roman „The Turner Diaries“ (Die Turner Tagebücher) werde ein Mord beschrieben, an dessen Ablauf sich das NSU-Trio bei seiner Attacke auf die Polizistin Michèle Kiesewetter und deren Kollegen in Heilbronn bis ins Detail gehalten hat. 

   Für den Referenten dient die jeweilige gesellschaftliche Stimmung als Verstärker für die Botschaft des Terrors. Das heißt, die unsäglichen Drohformeln der Höckes und Konsorten sind der Nährboden für die verübte Gewalt. Und das weltweit. Siehe der Massenmord des australischen Rechtsterroristen Brenton Tarrant an Muslimen im neuseeländischen Christchurch. Ihm war der NSU nicht fremd.

   Sehr lang anhaltender Beifall dankte Tobias Bezler für seine aufrüttelnde Darstellung und seine beispielhafte Zivilcourage.

   Einleitend hatte Pfarrer Schuster es als Aufgabe für Staatsbürger und Christenmenschen bezeichnet, „genau hinzusehen“.

 

Wolfgang Nußbaumer       

     

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