Im Rathaus treffen sich die Puppen Empfehlung

So rätselhaft wie ein Traum - das "Traumgesicht" von Sylvia Wanke. So rätselhaft wie ein Traum - das "Traumgesicht" von Sylvia Wanke. Fotos: -uss

Zwei Puppenwelten treffen in der Galerie im Rathaus Aalen aufeinander.

   Die auf Lindenholz basierten Geschöpfe Traudel von Röthardts und die exzentrischen Schöpfungen Sylvia Wankes. Mit dem Reifrock als kleidsamem gemeinsamem Nenner. Dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Sonst haben die stummen Figuren und maskenhaften Gesichter und Köpfe wenig gemein. Aus diesem Gegensatz erwächst die Spannung dieser mit viel kommunikativem Gespür aufgebauten Ausstellung.

   Beide Frauen haben Figurentheater und den Puppenbau unabhängig voneinander und mit größerem zeitlichem Abstand an der Akademie der Musischen Künste in Prag und an der Stuttgarter Kunstakademie studiert. Vor diesem Zusammentreffen in Aalen, haben sie sich nicht gekannt. Ab nun umso besser.

   Zwar befinden sich alle Kunst-Wesen im Ruhezustand; dennoch fühlt man förmlich die Puppen tanzen. Obwohl noch niemand an den nicht vorhandenen Fäden zieht. Traudel von Röthardt, die mit bürgerlichem Namen Natterer heißt, hat sich zuerst mit Marionetten beschäftigt, den nahen Verwandten ihrer „Schlenkerle“. Diese Gelenkpuppen darf man tatsächlich noch in Kinderhände geben. Dass dabei mal ein Fingerchen abbrechen kann, liegt in der Natur der Spielsache. Andere eher nicht, weil sie eindeutig weiblich mit unterschwelliger Erotik konnotiert sind.

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    Irgendwann war sie mit dem Thema der geschnitzten Puppen durch. Zwischen dem an barocken und Biedermeier-Vorbildern orientiertem realistischen Kopf und den artigen Füßen wartete noch viel Gestaltungsspielraum. Ebenso groß wie jener zwischen dem fröstelnden „Winterkind“-Nackedei und der Dame ohne Unterleib, die mit den anderen „Models“ auf dem Laufsteg flaniert. Wie die Puppenbauerin diesen Bereich als Spielplatz für ihre gestalterische Fantasie nutzt, macht sie schon insofern zur Kunst, als sie die Tradition in die Moderne und in die Abstraktion landläufiger Vorstellungen überführt. Nur in einem Punkt bleibt sie konsequent: Be- und Umkleidung jeglicher Art umschließt den Reif, oder was die Figurine sonst im Innersten zusammenhält.

   Auf einer Art Altar mit Konstruktionszeichnungen als Hintergrund stellt sie noch extrem statisch wirkenden Holzpuppen im modernen „Look“ drei wunderlich anrührende Exemplare in braunen Kleidern gegenüber. Dazwischen sitzen zwei „Schlenkerle“. Traudel von Röthardts Variantenreichtum kennt anscheinend keine Grenzen.

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   „Das Eigene, das Experimentelle, die Verwurzelung in der Tradition“, sei beiden Künstlerinnen gemeinsame, wie der in die Ausstellung einführende Dr. Helmut Landwehr erläuterte. Mit einem großen Unterschied. Sylvia Wankes surreale Kopfgeburten aus Pappmaché kommen in der zum Teil grotesk überzeichneten Mimik in ihrer Melancholie, Poesie und keckem Witz menschlichem Verhalten sehr nahe. Sie reflektieren die unschuldige Freude am Maskenspiel, wobei man dem Frieden nicht trauen will. Was mag in diesen „Traumgesichten“ vorgehen, was verhandelt das von einem Draht leicht eingebundene „Kleine Ensemble“, welches Lied will uns der Chor der maskenhaften Gesichter singen? Welche Botschaft der Januskopf übermitteln? Wankes Werke verweisen auf einige inspirierende Ahnen wie Pablo Picasso und Oskar Schlemmer oder auf aktuelle bildende Künstler wie den Meister der drastischen Ironie, Werner Lehmann, und nicht zuletzt auf ihre Arbeit als Szenografin und Dozentin am Studiengang Figurentheater der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Sie beherrscht das Feine, wie das Bizarre, klassische Formschönheit ebenso wie die extravagante Collage. 

   Das alles bringen unter ihrer Regie Anika Herzberg, die sich als Parodie einer Vernissagebesucherin in deren hinreißend beäugendes Pendant als hochgeschossene und hochgeschlossene theatralische Figur verwandelt und der famose Gitarrist Zdanek Ehrenberger in einer abschließenden Performance kongenial unter einen Hut. Die Langhalsdame hätte den netten Kerl ruhig noch länger die „Moldau“ so beseelt zupfen lassen dürfen, bevor sie ihn mit ihrer zudringlichen Präsenz in die Flucht schlägt. Ihr bleibt nur noch ein markerschütternder Schwanengesang.

   Bürgermeister Karl-Heinz Ehrmann bringt in seinem Resümee das Wesen dieser Ausstellung auf den Punkt: „Puppe ist nicht gleich Puppe.“

   Info: Die Ausstellung ist bis 15. Dezember Mo-Mi 8.30-17 Uhr, Do 8.30-18 Uhr, Fr 8.30-12 u. 14-17 Uhr, Sa 10-13 Uhr, So/Feiertage 14-17 Uhr geöffnet.

 

Wolfgang Nußbaumer 

      

     

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