Kein Sprung ins Leere

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Kein Sprung ins Leere

2019 ist ein Jubiläumsjahr. Besonders rund für alles, was vor 50 Jahren geschehen ist. 1969 haben die „Beatles“ mit ihrem elften Studioalbum „Abbey Road“ das Ende der „Fab Four“ eingeläutet. Von nun werden sie getrennte Wege gehen.

   „Keiner wagt ihn – den Sprung ins Leere. Wir alle wagen nur den ins Fastleere. Jeder lebt für sich und betreibt seine eigene Philosophie, getragen von Unfreiheit.“ So beginnt der aus heutiger Sicht argumentativ recht einfach und larmoyant gestrickte Text zu der 1969 unter dem Label der 1971 eingestellten hippen Zeitschrift „twen“ erschienenen LP „Off 2 Hallucinations“. Mit dem Untertitel „Psychedelic Underground“ beschwört sie die befreiende Wirkung der „Psychomusic“ als weitaus weniger schädlichen Ersatz für psychotoxische Substanzen wie LSD, die einen in einen „Freiheitstraum“ entführen (können). Zum Einsatz kommen Bands wie „MC 5“, „The Holy Modal Rounders“, „Rhinoceros“, „Earth Opera“, „The Incredible String Band“ und „The Doors“, um nur einige zu nennen.

   Ebenfalls 1969 treten im Flecken White Lake im Bundesstaat New York 70 Kilometer südwestlich von Woodstock vor geschätzten 400.000 entspannten Fans 32 Bands und Sängerinnen und Sänger auf. Sex and Drugs and Rock ’n‘ Roll und eine Menge anderer Musikstile zeigen überzeugend Wirkung. Im fernen Vietnam hat ein Jahr zuvor Amerikas Army durch das Massaker von My Lai nicht nur das Gesicht sondern letztlich auch den Krieg gegen den kommunistischen Norden verloren. Vor diesem düsteren Hintergrund gilt das Festival auch als eine riesige friedliche Demonstration gegen diesen Krieg, der die Nation spaltet.

   Dass es in Woodstock stattgefunden hat, liegt an Bob Dylan. „His Bobness“ hatte bei dem kleinen Ort einen Motorradunfall und blieb dort gleich zur Regeneration. Das ideale Zugpferd für ein großes Festival denkt sich ein Veranstalter, klopft bei dem vom Folk- zum Rockstar mutierten Poeten an – und holt sich eine barsche Abfuhr. Einer der wie in „Playboys and Playgirls“ gegen „wahnsinnige Kriegstreiberparolen“, „Kommunistenjäger“ und „Rassenhetzer“ ansingt, den muss doch so eine Kulisse magnetisch anziehen, mag er überlegt haben. Falsch gedacht. Als das Mammutkonzert beginnt, hat sich Dylan schon längst vom Acker gemacht. Dieser Mann lässt sich nicht instrumentalisieren.

   50 Jahre sind seitdem vergangen. Welche Musik hat mich in diesen fünf Jahrzehnten begleitet? Vom Cover einer meiner ersten Langspielplatten blickt mich der junge Bob Dylan mit prüfender Skepsis an, „Highway 61 Revisited“. An dieser Straße, an der auch sein Geburtsort Duluth liegt, haben einige der größten Blues-Legenden gelebt. Einige davon sind ebenfalls in meiner Plattensammlung gelandet. „Like a Rolling Stone“, einer der großen Hits dieser Scheibe, führt einen zwangsläufig zu den „Rolling Stones“. Zuvor stehen die Pilzköpfe aus Liverpool auf der Liste meiner musikalischen Begehrlichkeiten. Mit der „ungehobelten“ Jagger-Truppe werde ich mich erst Jahre später anfreunden, dann aber dauerhaft.

   Vor 50 Jahren ist „Easy Rider“ in die Kinos gekommen. Peter Fonda und Denis Hopper machen als Wyatt und Billy auf ihren Harleys mit dem Kokain-Schmuggel ein wenig Kohle, bis die beiden von den „bodenständigen“ Insassen eines Pickups, denen die Langhaarigen zuwider sind, über den Haufen geschossen werden. Der Soundtrack zu dem Film ist legendär. „Steppenwolf“, „The Byrds“, „The Jimi Hendrix Experience“, „Fraternity of Man“, „The Electric Prunes“, „Smith“, Roger McGuinn und „The Holy Modal Rounders“ treffen sich auf der LP wieder. Das glatte Gegenteil dazu begegnet mir mit dem Trio „Taste“. Den Iren scheint mit ihrem kantigen Bluesrock die Zukunft zu gehören – bis Rory Gallagher im September 1970 aussteigt. „Suzanne“ und „Marianne“ versüßen die Zeit zwischen Tag und Traum - Leonard Cohen sei Dank. Mit dem symphonisch beginnenden „April“ sind „Deep Purple“ bis heute treue Weggefährten. „Pink Floyd“, „Crosby, Stills, Nash & Young“, Alexis Korner, Eric Clapton, Bruce Springsteen, Mark Knopfler mit seinen „Dire Straits“, „Blood, Sweat & Tears“ und viele andere sind dazugekommen.

    Selbst welche aus dem „Ländle“. 1972 gründen Uwe Karpa und Matthias Ulmer in Stuttgart ein Quartett geeignet, das mit seinem „Progressive Rock“ auf der Ostalb Stammgast gewesen ist - „Anyone’s Daughter“.  1986 löst sich die Band auf; zur Jahrtausendwende kommt’s zu einer Wiedervereinigung. 2018 erscheint die Platte „Living the Future“. Immer noch dabei mit Keyboard und Stimme: Matthias Ulmer.

   Zum Schluss blicke  ich nochmals weit in die Vergangenheit zurück. Zu einem Doppelalbum mit echt stylischem Cover. Aufgenommen wurde es „am Totensonntag anno 1977 zwischen 8.45 Uhr morgens und 3 Uhr in der Nacht bei Scheune-Records in (D-7081) Westhausen“. „Mohren Skiffle“ nannte sich diese erlesene Truppe aus Aalen, die Ohrwürmer wie „Franz war Japanese“, „Fußpilz“, „Blue Ridge Mountains“ und andere Traditionals in Rillen gepresst hat. Die Besetzung liest sich als ein „Who is Who“ der damaligen Musikszene der Kreisstadt: Dimitrij Tramba (Geige, Gitarre, Banjo), Gabi Hailer (Geige, Flöte, Mandoline, Gesang, Glockenspiel), Ernst Hehr (Geige, Gitarre, Banjo, Mandoline, Glockenspiel, Gesang), Jürgen „Buddha“ Ziegelbauer (Gitarre, 5-String-Banjo, Gesang), Wolfgang „Yogi“ Pösselt (Washboard, Percussion, Gesang, Geräusche), Ray „Gondel“ Contrael (T-Bass, Gitarre, Spoons, Gesang, Geräusche). – Im Blick auf die eingangs angestimmte Klage, dass keiner den Sprung ins Leere wage, also den Mut zum Risiko zeige, das Freiheit mit sich bringt, bleibt mir nur noch, die „Mohren Skiffle“ mit diesem Prädikat zu würdigen: Weniger Leere war nie!

Wolfgang Nußbaumer 

        

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