Der Spatz vom Schloss

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An diesen Lippen hängt man gerne - Katie Melua An diesen Lippen hängt man gerne - Katie Melua Fotos: Gerd Keydell

Da steht sie in ihrem schlichten blauen Kleid mutterseelenallein auf der riesengroßen Bühne; nur die Klampfe gibt ihr Halt.

    Muss man sich sorgen um die kleine Person? Muss man nicht. Katie Melua steht da – und schrumpft die Bühne. Mit ihrer Präsenz, ihrer so wandlungsfähigen wie unverwechselbaren Stimme, ihren Liedern, die in keine Schublade passen. „What a wonderfull world“ ist das Schloss Kapfenburg an diesem traumhaften Festival-Freitagabend für die riesige Schar ihrer Fans.

    Ihren Superhit „9 Million Bicycles“ bringt sie mit ihrer vierköpfigen Begleitband gleich als dritten Titel. Damit sind die Fahrräder in Peking abgehandelt. Sie hat genügend Zeit, mit hervorragend ausgesteuertem Sound ihren weiten Musikhorizont abzuschreiten. Die Jazzpolizisten würden sofort wegen starkem Popverdacht die Kelle heben; vom Blues infizierte Leute dürfen nicht auf Heilung hoffen, zu viel Rock mischt sie den wenigen Songs bei, die richtig abgehen. „Learning the Blues“ ist gar nicht so einfach. AC/DC-Anhänger würden müde abwinken. Waren vermutlich gar keine da.

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   Die Arrangements schlagen Haken wie ein Hase, um wieder in der einen Spur zu landen, die man süchtig einzieht wie eine Linie Koks.   Was für ein Vergleich. Geht überhaupt nicht. Die gebürtige Georgierin, die außerdem die britische Staatsangehörigkeit hat, transportiert mit ihrer so kumpelhaft raunenden Stimme Sinnlichkeit en gros - ohne einen Funken Erotik. Deshalb taugt der Vergleich mit dem Spatz von Paris, Edith Piaf, nicht; mit Eva Cassidy schon, denn die allzu früh gestorbene amerikanische Sängerin und Gitarristin nennt sie als ihr großes Vorbild.

    Seltsamerweise wirkt Katie Melua am authentischsten, wenn sie Coverversionen interpretiert, wie Leonard Cohens „In my secret life“ – oder ein Volkslied aus ihrer Heimat. Die neun golden glitzernden Lichtbänder, die sich vor dem schwarzen Bühnenhintergrund als einziger Schmuck auffächern, scheinen dazu noch intensiver zu strahlen. Nach 70 Minuten kann dieses Klangfest doch noch nicht vorbei sein, denkt man, als sie sich winkend verabschiedet. Natürlich kommt sie mitten in den Beifallssturm hinein zurück – ohne Band. Kelly Clarksons Megahit „Piece by Piece“ bringt sie mit. Ein echtes Geschenk, besser als das Original – aber das ist Geschmackssache. Selten jedenfalls hat man Menschen so entspannt den Heimweg antreten sehen.

Wolfgang Nußbaumer  

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