Frauenpower bei den Freilichtspielen

Zwei beeindruckende Persönlichkeiten übernehmen die Hauptrollen in AIDA: Kimberly Thompson (links) als Aida und Martina Lechner als Amneris. Zwei beeindruckende Persönlichkeiten übernehmen die Hauptrollen in AIDA: Kimberly Thompson (links) als Aida und Martina Lechner als Amneris. Foto: Ufuk Arslan

Ob auf oder hinter der Bühne – beim Musical „Elton John und Tim Rice’s AIDA“ geben starke Frauen auf der Treppe in Schwäbisch Hall den Ton an.

    Ob im Schauspielklassiker oder im Musical, oft genug sind es im deutschen Theater noch Männer, die das Geschehen dominieren. Das gilt sowohl für die Figuren in den Geschichten, die erzählt werden, als auch für die Entscheider hinter der Bühne. Bei der diesjährigen Musical-Neuproduktion der Freilichtspiele Schwäbisch Hall, dem Disney-Musical „Elton John und Tim Rice’s AIDA“, das am Samstag, 13. Juli, auf der Großen Treppe vor St. Michael Premiere hat, spielen Frauen auf und hinter der Bühne eine große Rolle. Nicht nur sind es mit der Nubierprinzessin Aida und der Pharaonentochter Amneris zwei Frauenfiguren, die den Handlungsverlauf des Stückes mit ihren starken Entscheidungen und großen Gefühlen prägen, auch in der künstlerischen Leitung und in den technischen Gewerken geben zahlreiche Frauen den Ton an. Beeindruckend ist jedoch nicht nur die Leistung, die sie bei den Proben in der glühenden Sommerhitze auf der Treppe zeigen, sondern sind auch die Lebensgeschichten, die sie nach Schwäbisch Hall geführt haben. 

   Titelfigur des Musicals ist die Nubierprinzessin Aida. Zu Beginn des Stückes wird sie von ägyptischen Truppen gefangen genommen und versklavt. Doch anstatt sich willenlos zu ergeben, zeigt sich Aida auch in Gefangenschaft wehrhaft, verführt den großen ägyptischen Heerführer Radames und orchestriert parallel die Flucht ihrer Landsleute. Stärke und Reife bewies auch Aida-Darstellerin Kimberly Thompson sehr früh in ihrem Leben. Bereits im Alter von vierzehn Jahren vertrat die Niederländerin ihr Heimatland beim Junior Eurovision Song Contest. Zuletzt zeigte sie ihre große Bühnenpräsenz als Löwenkönigin Sarabi in der holländischen Großproduktion des Musicals „Der König der Löwen“. „An Aida beeindruckt mich, dass sie einfach nicht aufgibt und immer weiter kämpft, selbst wenn sie eigentlich schon am Boden liegt“, so Thompson. „Sie ist eine kluge und selbstbewusste Frau, die ihre eigenen, starken Entscheidungen trifft, das aber immer auch aus ihrem Herzen heraus. Ich fühle mich ihr darin sehr nahe. Mein Song damals beim Eurovision Song Contest handelte davon, dass ich es schon als Mädchen nicht mochte, wenn andere Leute – meistens Männer – mir gesagt haben, wie ich sein soll, sondern es war mir wichtig, meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Auch heute noch, über zehn Jahre später, ist mir diese Selbstbestimmtheit enorm wichtig.“

   Eine Prinzessin der anderen Art 

   Die zweite große Frauenrolle im Stück ist die ägyptische Pharaonentochter Amneris, die von der Schauspielerin Martina Lechner verkörpert wird. „Amneris ist eine Prinzessin der anderen Art“, beschreibt Lechner, die in dieser Rolle erstmals bei den Freilichtspielen Schwäbisch Hall zu erleben ist. „Sie wurde mit allen erdenklichen Privilegien in einer männerdominierten Hierarchie aufgezogen, schafft es aber durch Aida, ein Bewusstsein für andere zu entwickeln. Das macht sie zu einer charismatischen Herrscherin, die lernt, die Bedürfnisse anderer über ihre eigenen zu stellen, auch wenn es sie selbst alles kostet. Für mich ist es die Reise des verwöhnten Prinzesschens zur Königin.“

   Martina Lechner selbst machte in ihrer bisherigen Karriere nicht nur mit großen Rollen wie der Maria in der „West Side Story“ in Wuppertal oder der Jeanie in „Hair“ bei den Bad Hersfelder Festspielen von sich reden. Abseits der Bühne engagiert sie sich seit Jahren in der Organisation „Life Music Now“, die junge Künstler an Krankenhäuser, Seniorenheime und bedürftige Menschen vermittelt. Als Herausgeberin des Musical-Podcasts „Musical & mehr...“ macht sie zudem Motive, Wege und Geschichten ihrer Bühnenkollegen für ein breites Publikum hörbar. 

   Insgesamt stehen acht Frauen im 18-köpfigen Ensemble von „Elton John und Tim Rice’s AIDA“ auf der Bühne. Die vielleicht außergewöhnlichste Lebensgeschichte hat die erst 19-jährige Teya Quarmyne vorzuweisen. Die Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin mit ghanaischen, australischen und philippinischen Wurzeln ist eine wahre Globetrotterin. Sie wuchs als Tochter einer Schriftstellerin und eines Fotografen im australischen Perth auf, bevor sie im Alter von acht Jahren mit ihrer Familie zu einem einjährigen Roadtrip aufbrach und im Anschluss für mehrere Jahre in Ghana lebte. Dort begann sie mit der Kompanie Accra Theatre Workshop bald ihre professionelle Bühnenlaufbahn. 

   „Als ich 15 war, war ich es dann, der meine Eltern dazu überredete, mit mir nach Deutschland zu ziehen“, erzählt die weltgewandte junge Frau in akzentfreiem Deutsch. Von einer deutschen Kulturorganisation war sie eingeladen worden, an einem Casting für mehrere Produktionen in Düsseldorf teilzunehmen. Die reiselustigen Eltern zogen mit, und der Start ihrer Theaterkarriere verlief bisher überaus erfolgreich: In den letzten Jahren war Teya Quarmyne unter anderem als Solistin in der Tanztheaterproduktion „SHErose“ in Düsseldorf und als Martha im Musical „Spring Awakening“ im Globe Theater Neuss zu erleben. Für eine Rolle im Ensemble von „Elton John und Tim Rice’s AIDA“ in Schwäbisch Hall setzte sie sich gegen weit über 100 Bewerberinnen durch.

   Teya Quarmyne ist allerdings nicht das einzige Ensemblemitglied, das als Teenager sein Heimatland Richtung Deutschland verließ. Die Ecuadorianerin Lucía Haas Muñoz wuchs in Mexiko auf, bevor sie im Alter von 17 Jahren nach Karlsruhe zog, um dort Architektur zu studieren. „Ich bin in Mexiko sehr behütet und in einer Blase aufgewachsen, weil man als Mädchen oder Frau dort einfach nicht sicher ist, wenn man alleine auf die Straße geht“, berichtet Haas Muñoz. „Als ich zehn Jahre alt war, durfte ich für ein Jahr in Deutschland wohnen und habe die Selbstständigkeit sehr genossen, die ich hier schon als kleines Mädchen leben konnte. Alleine mit dem Fahrrad in die Schule fahren können, wow! Und nach diesem Erlebnis war für mich klar, dass ich später wieder nach Deutschland möchte.“ 

   Erst nach zwei Jahren Architekturstudium beschloss die technisch begabte Ecuadorianerin, ihrer Leidenschaft für Musik zu folgen, und bewarb sich erfolgreich für ein Musicalstudium an der Stage School in Hamburg. Inzwischen ist Lucía Haas Muñoz eine feste Größe in der deutschsprachigen Musicalszene, war unter anderem als Anita und Consuela in der „West Side Story“ an der Oper Halle und in „Evita“ bei den Schauspielbühnen Stuttgart zu sehen. „Es ist für mich schwer, intellektuell oder mit dem Kopf auszudrücken, was für mich das Besondere daran ausmacht, auf der Bühne zu stehen“, beschreibt sie. „Aber Musik war für mich schon immer der Schlüssel zu meinen Emotionen, und ich fühle mich unheimlich lebendig, wenn ich auf der Bühne singe, tanze und spiele. Ich sehe es als ein großes Privileg an, das derzeit täglich tun zu dürfen.“

   Der Pyramidenbau zu Hall

   70 Kostüme, eine Pyramide und eine Felsenlandschaft: Ausstatterin Kati Kolb und ihre Assistentin Orpha Bonk haben alle Hände voll zu tun. Fünf Stunden Schlaf bekommt Kati Kolb durchschnittlich während der Proben- und Vorbereitungsphase zu „Elton John und Tim Rice’s AIDA“. Sie ist sowohl für die Gestaltung der von ihr entworfenen Kostüme als auch für das Bühnenbild der Inszenierung verantwortlich. Als zentrales Bühnenelement wird eine acht Meter lange und vier Meter hohe, begehbare Pyramide auf der Großen Treppe stehen. Während ihrer Arbeit für die Freilichtspiele pendelt Kati Kolb auch jede Woche in den Rheingau, wo sie mit ihrem Mann und ihren drei kleinen Kindern lebt. „Mit den Kiddies geht der Tag morgens um 6 Uhr los – und wenn die drei dann schlafen, sitze ich normalerweise noch bis weit nach Mitternacht für ‚Aida’ am Rechner.  Den Theaterberuf mit der Familie zu vereinbaren ist noch immer eine Herausforderung und ich finde es toll, dass wir hier bei den Freilichtspielen mittlerweile einige Kollegen sind, die dies einfach gemeinsam tun.“ 

    Entlastung bei ihren zahlreichen Aufgaben verschafft ihr die 23-jährige Kostüm- und Bühnenbildassistentin Orpha Bonk. Trotz ihres jungen Alters weiß Bonk in ihrem dritten Jahr bei den Freilichtspielen, wie der Hase läuft: „Eine gute Ausstattungsassistentin macht es aus, sich schnell auf die Bedürfnisse der jeweiligen Kostümbildner*innen und Bühnenbildner*innen einzustellen. Generell ist es wichtig, einen guten Überblick darüber zu haben, was auf den Proben und in den zahlreichen Gewerken, mit denen wir zu tun haben, passiert – und bei den vielen anstehenden Aufgaben Prioritäten setzen zu können. Im Idealfall kann ich den Ausstatter*innen einzelne Arbeitsbereiche auch komplett abnehmen, sodass sie sich auf andere dringende Anliegen voll fokussieren können.“ Nach der Spielzeit in Schwäbisch Hall zieht es Orpha Bonk, die ihr Abitur in Schwäbisch Hall machte, nach Basel. Dort studiert sie Innenarchitektur und Szenografie.

   Auch wenn mit Regisseur und Choreograf Christopher Tölle und dem musikalischen Leiter Heiko Lippmann zwei Männer viele künstlerische Entscheidungen der Inszenierung verantworten, sind es Frauen, die an der erfolgreichen Umsetzung ihrer Ideen maßgeblich beteiligt sind. Als Regieassistentin plant Jennifer Sittler als rechte Hand von Christopher Tölle die Probenstruktur, führt Buch über die Proben und kommuniziert mit dem Ensemble, allen technischen Gewerken und dem Künstlerischen Betriebsbüro. Zudem berät sie den Regisseur in inszenatorischen Angelegenheiten. Jennifer Sittler hat jahrelange Erfahrung als Regieassistentin an verschiedenen Theatern, inszenierte zuletzt selbst in Köln und Schwäbisch Gmünd und schreibt ein eigenes Stück über die NS-Vergangenheit ihres Großvaters.

   Styroporstreusel im Haar   

   Nach kaufmännischer Ausbildung, Biologiestudium, Arbeit als EDV-Trainerin und als Autorin von Lernprogrammen entdeckte Bühnenplastikerin Meike Düppers vor gut 20 Jahren eher zufällig im Staatstheater Mainz die Welt hinter den Kulissen. Als Freiberuflerin reist sie zu verschiedenen Theatern, um die dortigen Kollegen beim Bau großer Bühnenobjekte aber auch kleinerer Requisiten zu unterstützen. Bei den Freilichtspielen Schwäbisch Hall arbeitet sie seit 2013 und fertigte unter anderem die Drachenteile für die „Tochter des Salzsieders“ an, einen lebensgroßen Ochsen und Esel für „Don Camillo und Peppone“, sowie die überdimensionierten Hände und Füße, die das Bühnenbild von Schillers „Die Räuber“ auf der Großen Treppe prägten. „Derzeit erkennt man mich an den Styroporstreuseln im Haar“, sagt Meike Düppers lachend. Seit einigen Wochen baut sie aus Styropor mannshohe (oder sollte man besser sagen „frauhohe“?) Felsen für das Bühnenbild von AIDA auf der Großen Treppe. „Wichtig ist, dass die Steine stabil genug sind, damit sie von den Spielern begangen werden können, dass sie nicht zu schwer zum Transportieren sind und auch noch in den Transporter passen“, betont sie. 

   Den technischen Überblick über die Produktion behält die Bühnenmeisterin und Produktionsleiterin Johanna Güttler. Ihr Weg ans Theater führte über ein Studium der Umwelttechnik nach Neuseeland, wo sie fast zehn Jahre lang lebte und bei Theater- und Musikfestivals, auf Tourneen und in mehreren Theatern als Technikerin arbeitete. „Am Theater mag ich besonders die Kurzlebigkeit der Arbeit“, beschreibt sie. „Als ich noch in der Forschung arbeitete, sprachen wir oft über Zeiträume von zehn oder zwanzig Jahren für eine Studie. Im Theater sind es dagegen nur einige Wochen in denen man gemeinsam intensiv auf ein Ziel hinarbeitet und es realisiert. Zudem genieße ich es, mit so unterschiedlichen und außergewöhnlichen Menschen zu tun zu haben, wie man sie im Theaterbusiness trifft.“ In ihrer Rolle als Produktionsleiterin ist Johanna Güttler für die erfolgreiche Kommunikation zwischen Technischer Leitung und den Theaterwerkstätten, den Gewerken sowie der Ausstatter*innen zuständig. Sie koordiniert die Aufgabenverteilung zwischen Bühnentechnik, Schlosserei und Schreinerei. Als Bühnenmeisterin ist sie zudem für die Sicherheit aller Leute auf der Bühne und im Publikum während der Endproben und Vorstellungen verantwortlich. 

   Info: „Elton John und Tim Rice’s AIDA“ ist vom 13. Juli bis 7. August täglich außer montags um 20.30 Uhr auf der Großen Treppe vor St. Michael zu erleben. Karten und weitere Informationen gibt es unter www.freilichtspiele-hall.de, bei der Tourist Information Schwäbisch Hall, Hafenmarkt 3, oder unter 0791 / 751-600.

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