Gewaltiger Klangstrom

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Es ist vollbracht. Nach der grandiosen Aufführung freuen sich Dirigent Frieder Bernius und alle Mitwirkenden über den lang anhaltenden Beifall. Es ist vollbracht. Nach der grandiosen Aufführung freuen sich Dirigent Frieder Bernius und alle Mitwirkenden über den lang anhaltenden Beifall. Foto: -uss

„Alles im Fluss“ hat EKM-Intendant Klaus Stemmler das diesjährige Festival der Kirchenmusik in der Stauferstadt überschrieben. Alles im Fluss? Panta rhei? Alles fließt im ewigen Werden und Vergehen?

Mit dem Eröffnungskonzert hat er jedoch schon eine Staustufe installiert, bevor es eine Woche später mit geistlichen Kompositionen weitergeht. Mendelssohns grandioses Oratorium „Elias“ muss man in seiner Komplexität erst einmal in sich wirken lassen.

   Den Nachklang der nur mit Superlativen angemessen zu würdigenden Aufführung im Münster durch den Kammerchor Stuttgart, die Klassische Philharmonie Stuttgart und ein erlesenes Solistenquartett im Ohr und im Herzen, fließen Gedanken und Gefühle ineinander. Also doch „alles im Fluss“! Als gewaltigen Strom hat der Klangmagier Frieder Bernius mit packendem Dirigat das kapitale Werk interpretiert. Und damit wohl ganz im Sinne des Komponisten gehandelt.

    Felix Mendelssohn Bartholdy hat ganz nah am alttestamentarischen Text die Wasser vor allem in den faszinierenden Chorsätzen  in epischer Gelassenheit dahinströmen lassen. Eines der Mittel seiner fesselnden Dramaturgie, um die Dramatik umso besser spürbar werden zu lassen. Denn in den Strom hat er allerlei Schnellen und Katarakte eingebaut, die dem gesamten Ensemble höchste Konzentration abverlangen.  Und das gut zwei Stunden lang. 

    Das bis zum abschließenden demütig-versöhnlichen „Amen“ aufwühlende geistliche Musiktheater beginnt nach dem Fluch des Elias, der dem sündigen, wankelmütigen Volk eine mehrjährige Dürre beschert, mit einer Chorklage von verzweifelter Urgewalt. Von Null auf Hundert mit einer Bernius’schen Handbewegung. Und man weiß; hier kann nichts mehr schiefgehen. Fortan greift das Räderwerk dieses musikalischen Präzisionswerkzeuges fugenlos ineinander.

    Von was soll man schwärmen, wenn nicht von allem. Allgemein von der dynamischen Unfehlbarkeit; zarte Rufe eines Knaben (welch glockenreine Frauenstimme) der nach Regen Ausschau hält, kontrastiert das dürstende Volk mit banger Bitte. Im Detail bahnt sich der aus verhaltenem Piano aufbrechende brachiale Furor seinen Weg durch das hohe Kirchenschiff des Münsters. In geballter Chorwucht – und im dramatischen Höhenflug des volltönenden makellosen Soprans von Johanna Winkel als Witwe.

   Kein Mangel schließlich an himmlischem Engelsgesang, kulminierend in der betörenden Süße des Terzetts (Anna-Sophie Brosig, Clara Steuerwald, Sigrun Bornträger) aus der Tiefe des Chorraumes. Allein schon vor den solistischen Qualitäten im Chor muss man den Hut ziehen. Umso mehr noch vor dem Quartett der Vorsängerinnen und Vorsänger. Neben ihrer Kollegin macht die Mezzosopranistin Renée Morloc  in einer weiteren Engelsrolle und als Königin deren intriganten Charakter mit geschmeidiger Stimmführung sinnlich erfahrbar. Tragend in allen Höhenlagen brilliert der Tenor Sebastian Kohlhepp als König Ahab und Obadjah, ein Weggefährte des Elias, der zentralen Figur des Oratoriums. Für den erkrankten Thomas E. Bauer eingesprungen, meisterte Thomas Stimmel mit seinem souveränen Bass diese Mammutaufgabe in differenzierter Artikulation und gesanglicher Verve schon ehrfurchtsgebietend. 

   Feuer, Wasser, Erde und Licht haben sich als Sinnbilder tiefer Glaubenssehnsucht in einer grandiosen Hochzeit der Töne und Klänge vereinigt – und bestimmt so manche Träne der empathischen Rührung zum Strom der Musik Mendelssohns beigesteuert. Ja, als Frieder Bernius den Taktstock am Ende langsam sinken ließ, hätte man eine Nadel fallen hören können. Eine Gemeinde hielt den Atem an. 

Wolfgang Nußbaumer             

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