Tauchgang in der Kunst-Welt Empfehlung

Schön bunt: Islands Kuschelhöhle Schön bunt: Islands Kuschelhöhle Fotos: -uss

Der Cappuccino aus dem Pappbecher für schlappe zwei Euro schmeckt hervorragend.

   Er kostet nur halb so viel wie der mit aufgeschäumter Milch gekrönte Kaffee im Stuttgarter Flughafen. Dabei sitzen wir am oberen Ende der Ausstellungshallen des „Arsenale“ in Venedig mit Blick auf den kleinen Industriehafen mit zwei kleinen Kreuzern der Carabinieri  und auf sechs riesige weiße Händepaare, die sich zwischen Baukränen nach oben recken. Kunst und Bauarbeiten pflegen friedliche Koexistenz. Es ist Biennale – und die „Serenissima“ befindet sich nicht im Ausnahmezustand. Weshalb auch. Sie ist der Ausnahmezustand. In jeder Hinsicht außerordentlich. 

     Das gilt auch für die Biennale 2019 und weitere große Ausstellungen, die parallel gezeigt werden. „May You Live In Interesting Times“ hat der US-amerikanische Kurator Ralph Rugoff als Motto formuliert.  „Möget Ihr in interessanten Zeiten leben“ – ein (vermutlich) chinesischer Fluch. Fröhlich und unbeschwert, eine Feier des reinen Schönen als Tanz auf dem Vulkan ist die weltumspannende Kunstschau weiß Gott nicht. Die 77 überwiegend jungen Künstlerinnen und Künstler im „Arsenale“, wo einst Schiffe gebaut wurden,  setzen sich analog und digital in atemberaubender Vielfalt und mitunter spektakulärem Ideenreichtum mit den Folgen des Klimawandels, mit Globalisierung, Umweltzerstörung und Genderthemen auseinander. 

    In den seit 1907 nach und nach errichteten 28 Länderpavillons der „Giardini“ herrscht ein moderaterer Tonfall, gefällig, ironisch bis belanglos. Im großen Zentralpavillon, den die italienische Künstlerin Lara Favaretto mit einem vom Dach strömenden Kunst-Nebel verschleiert, geht’s dagegen drunter und drüber. Filigranes trifft auf Grobes, Stilles auf Lautes, Unzweideutiges auf Rätselhaftes. Der Roboterarm, der in seinem Gehäuse in wilder Gestik mit einem riesigen Schaber eine blutrote Flüssigkeit sisyphosartig zusammenschiebt, korrespondiert mit der Nachbildung des Lincoln Memorials in Washington D.C. im Arsenale, auf dem statt eines Präsidenten ein um sich peitschender Schlauch Platz genommen hat. Unwillkürlich ploppt eine blonde Haartolle vor dem geistigen Auge auf. Ach könnte ihr doch diese Peitsche den Scheitel ziehen... Für beide an verschiedenen Orten positionierte Arbeiten zeichnet das chinesische Künstlerduo Sun Yuan und Peng Yu verantwortlich. Diese Doppelung kennzeichnet Rugoffs Biennale

    Schwarzhumorig grandios bitter empfängt der 1907 als erster in den Giardini errichtete belgische Länderpavillon mit seinem im Wortsinne irren Personal das Publikum. Im deutschen Pavillon mit seiner monumentalen Säulenfassade hat Natascha Süder Happelmann einen raumhohen Staudamm errichten lassen. Davor ein paar Steinbrocken, durch die sich ein dunkles Rinnsal windet. Sie interpretiert den grauen Berg als Symbol für Abschottung gegenüber allem Fremden. Wer den Damm überwindet, sieht sich in einer unwirtlichen Welt vom Steinschlag bedroht, interpretieren wir. Auf der Rückseite des düsteren Bauwerks erhebt sich ein mit diversen Lautsprechern bestücktes Stangengerüst. Die Klänge und Cluster, die einen umwabern, beziehen sich auf Trillerpfeifen, mit denen sich von Abschiebung bedrohte Flüchtlinge gewarnt haben sollen. Etwas Licht in diese höchst sperrige Angelegenheit bringen die Erklärungsversuche der jungen Aufsicht. 

     Schwer zu finden und ohne Personal als ziemlich langweilig erweist sich die ob ihrer subversiven Botschaft mit dem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnete litauische Badesandstrandidylle im Nirgendwo. Eine der vielen freundlichen jungen Frauen, die auskunftsbereit vor den kulturellen Pilgerstätten warten, meint auf unsere diesbezügliche Feststellung hin mit charmantem Lächeln aber dennoch lapidar, in Venedig sei alles schwer zu finden. 

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Als Zeit-Zeichen kann man auch diesen Roboter sehen, der in wilder Gestik, Sisyphos gleich, eine an Blut erinnernde Flüssigkeit zu zähmen versucht.

 

     In der Lagunenstadt trifft man allenthalben auf interessante Zeit-Zeichen. Ein feminines Manifest hat die Estin Kris Lemsalu in einer Fabrikhalle auf Giudecca errichtet. Aus einem mit riesigen Keramikvaginas und diversem alltäglichem Krimskrams bestückten Brunnen träufelt Wasser in große Becken, während abseits eine Männerhose über einer Sperrholzwand hängt. Also froh – oder auch nicht – gestimmt nimmt man Kurs auf die schwer zu findende neonbunte Kunsthaarinstallation der in New York lebenden Isländerin „Shoplifter“. In ihrer märchenhaften Kuschelwelt vergisst man peitschende Schläuche, Blutschaber, Akkordeon spielende Vaginas – und vielleicht auch das am Rand des „Arsenale“ gestrandete Wrack  eines von Christoph Büchel als „Barca Nostra“ aufgestellten Flüchtlingsbootes. Durch eine in die Seitenwand des für 15 Besatzungsmitglieder gedachten Fischkutters geschnittene viereckige Öffnung sind nach dessen Havarie vor der Insel Lampedusa am 18. April 2015 Hunderte Leichen geborgen worden. Ein Mahnmal als Kunst? Der Cappuccino im Café nebenan schmeckt plötzlich schal.  

     Ortswechsel. Von Giudecca fahren wir mit dem Vaporetto durch das Touristen- und Gondelgetümmel beim Markusplatz den Canal Grande hinauf und unter dem Bogen der Rialtobrücke hindurch zu einem Highlight dieses Kunstsommers. Der gesamte Palazzo Prado dient als Herberge für Installationen, Wandarbeiten und Plastiken des 2017 gestorbenen großen Griechen Jannis Kounellis. Kounellis? Den kennen wir doch noch aus Schwäbisch Gmünd. 1992 hat er mit seiner „Platzverführung“ in der Stauferstadt eine heftige öffentlich geführte Diskussion ausgelöst. Der „Gmünder Galgen“ erregte die Gemüter. Ein Foto in der Eingangshalle ruft die Erinnerung an den damaligen Aufreger wach. Noch 27 Jahre später schämt man sich ein bisschen fremd. Zumal in diesen heiligen Hallen, in denen sich Kunst und Raum im Einklang befinden. In diesem Falle ein echtes Paradoxon, weil Kounellis’ Arte Povera aus Versatzstücken des Alltags den einstigen Adelssitz adelt. Von der Decke hängen Schränke, in einer Kiste stapeln sich alte Nähmaschinen, in Kästen auf dem Boden sind Ketten und andere Metallteile angerichtet wie ein Buffet; dann Asche, Rauch, Ruß, Versengtes – und dazwischen eine Metallplatte mit grüner Notenschrift. Ungeheuer kraftvoll ist diese raumgreifende Kunst, mit der Kounellis das hohe Lied der Mutter Erde singt; mahnend doch ohne klagenden Ton.

     Der Grieche, der in Italien einer der Gründerväter der Arte Povera gewesen ist, spielt gerne mit den Elementen und speziell mit dem Feuer. Die in einem eigenen Raum arrangierten Flaschen mit Campinggas dürfen wegen der Hitze nur zweimal am Tag für kurze Zeit entflammt werden, erklärt freundlich ein Aufsicht führender junger Mann an der Tür. Sonst nähme der empfindliche Boden Schaden – und möglicherweise der ganze wunderschöne Palazzo, fügt er mit einem leisen Lächeln hinzu. Bei dem Ensemble aus feuerspeienden Musikinstrumenten nebenan besteht offensichtlich weniger finale Gefahr. 

     Die Stiftung des französischen Milliardärs François Pinault hat dessen gesamten überwältigend restaurierten Palazzo Grassi einer großen Retrospektive des ebenso fantastischen belgischen Malers Luc Tuymans gewidmet. Deren Titel: „La Pelle“. Seine Bilder gehen in ihrer stark zurückgenommenen Farbigkeit, die der Künstler durch einen milchigen Schleier noch weiter dämpft, wahrlich unter die Haut. Ihre Gegenstände treffen das Auge gnadenlos und ohne Erbarmen. Wie das vom Horror geprägte tote Frauengesicht, dessen aufgerissene Augen einen bis in den Schlaf verfolgen. Denn die Welt und die gesellschaftlichen Umstände sind in der Sichtweise des Belgiers erbarmungslos. Ins Säulengeviert der Eingangshalle hat Tuymans ein Mosaik gelegt. Es zeigt dunkle Bäume, die in einen hellen Grund hineinwachsen. Und es sieht aus, als ob es zur innenarchitektonischen Grundausstattung des Palazzos gehöre. Tatsächlich handelt es sich um eine Nachbildung der Zeichnung „Schwarzheide“ des jüdischen tschechischen Künstlers Alfred Kantor, die dieser in einer Außenstelle des KZs Sachsenhausen zu Papier gebracht hat. In Streifen geschnitten, haben sie Mithäftlinge am Körper getragen, damit die SS-Wächter das Werk nicht zu Gesicht bekamen. Dadurch sind dessen überlieferte Fragmente zu Zeugnissen des Überlebens geworden.

     Dieses Mosaik ist das größte Beispiel für Tuymans Begabung, Historie und Gegenwart zusammenzuführen. Viele Besucher scheuen sich, dieses Bodenbild mit Füßen zu treten, obwohl die meisten um dessen Bedeutung vermutlich nichts wissen. Weil man Kunst nicht betritt? Wo doch der Belgier im Wortsinne Gebrauchskunst macht. Kunst, die anstiftet, den Verstand zu gebrauchen. Ehrfurcht vor dem Werk ist ihm ein Graus. Er blickt im Zorn voraus. Und wie, mit „diagnostischem Blick“, wie er einige Arbeiten betitelt hat. Emotionslos versetzt er die Emotionen des Betrachters in Aufruhr.

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Die zu Herzen gehenden Magie der Malerei von Safet Zec nimmt einen in der Chiesa Santa Maria Della Pietà gefangen.

 

      Vom Palast machen wir uns wieder auf den Weg, jetzt zu einigen Kirchen. In Venedig sind sie ebenfalls Paläste, wie die Basilica die San Giorgio Maggiore. Unter deren Kuppel hat der Ire Sean Scully aus leuchtend bunten Filzsegmenten seine betretbare „Himmelsleiter“ („Opulent Ascension“) errichtet. Blickt man in ihr stehend nach oben, spürt man eine Ahnung von tröstendem himmlischem Frieden. Scully hat sie nach dem Tod seines Sohnes geschaffen. Mit den Farben dieses Monuments spielt er auch in seinen von Farbbändern bestimmten abstrakten Gemälden, die, wieder so ein Paradoxon, eine ganz gegenständlich wärmende Ausstrahlung haben.

      Zurück von der Isola sind es nur ein paar Meter von der Haltestelle S. Zaccaria zur Chiesa Santa Maria Della Pietà. In diesem Gotteshaus erinnert der serbische Künstler Safet Zec auf zum Weinen ergreifenden Leinwänden an den Tod eines jungen Liebespaares. Admira und Boško, sie eine Muslima, er ein orthodoxer Christ, wurden 1993 auf der Vrbanja-Brücke niedergeschossen. Ihre Körper blieben mehrere Tage dort liegen. Diese erschütternden Gemälde treffen in ihrem Realismus einen mitten ins Mark. Zwei der Bilder, auf denen ein Mensch den aus einer Wunde auf der linken Brustseite blutenden Partner in den Armen hält, hängen direkt unter dem barocken Altar mit dem gekreuzigten Christus. Durch den Raum mit den Dokumenten des Leids die Menschen einst und heute Menschen zugefügt haben, schweben leise, heitere Klänge. Musik von Venedigs berühmtestem Komponisten und Musikers Antonio Vivaldi. Ganz bescheiden steht seine Bronzebüste auf einem Holzpodest zwischen der Bilderzählung vom Sterben Admiras und  Boškos. Am Abend wird ein kleines Orchester im Chorraum Kompositionen von ihm spielen. Wir gehen hinaus ins sanfte Licht der Lagune. Das Leben geht weiter. Möge es interessante Zeiten bringen.

 

Wolfgang Nußbaumer 

             

     

 

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