Ein paar Grad mehr Empfehlung

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Ein paar Grad mehr

 Es ist Freitag, wenn ich diese Zeilen schreibe. Friday for Future. Zeit und Aufforderung, für ein gutes Klima zu demonstrieren.

   Ein paar Grad mehr im zwischenmenschlichen Miteinander haben andere Auswirkungen, als zwei Grad mehr Erderwärmung. Beides gehört zusammen. Nur wenn wir alle an einem Strang ziehen, können wir verhindern, dass die Ozeane Inseln verschlucken und ganze Landstriche überfluten. Deshalb haben die jungen Leute, die nach dem Vorbild der Schwedin Greta Thunberg für den Klimaschutz auf die Straße gehen und damit nicht nur für ihre, sondern auch für die Zukunft von uns allen „streiken“, Anerkennung verdient.

    Sie handeln im Sinn der 17 ökologischen, ökonomischen und sozialen UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs = Sustainable Development Goals). Die aus Schwäbisch Gmünd stammende und mit ihrer Familie in New York lebende bildende Künstlerin Regina Baumhauer hat diese 17 Ziele in Bronzereliefs dargestellt und befühlbar gemacht. Ausgestellt wurden die Tafeln im Rahmen ihres Projekts „EdUcation 4 futUrE. Demokratie=Bunt“ bei Veranstaltungen in Schwäbisch Gmünd, Aalen und Heidenheim. Der seit vielen Jahren unverdrossen mit einer MS-Erkrankung kämpfenden Künstlerin sind vor allem das zweite Ziel (Kein Hunger) und das dritte (Gesundheit/Wohlergehen) wichtig. Bildung für alle ohnehin. 

     Besondere Freude dürfte Regina Baumhauer eine Aktion in ihrer Heimatstadt machen. Schülerinnen und Schüler der Mozartschule haben die „Gmünder Charta der Gemeinsamkeiten“ gemalt. Die Bilder waren bis Ende Juni in einer Ausstellung im Gmünder Rathaus zu sehen. Über 400 Gmünderinnen und Gmünder hatten zusammen zwölf Thesen erarbeitet, die eine Richtschnur für das Miteinander in der Stadt bildensollen.So finden sich in diesen Gmünder „SDGs“ Themen wie die sorgende und sichere Gemeinschaft, Heimat für alle Menschen, Gleichberechtigung und Religionsfreiheit wieder. 

      Der offizielle deutsche Titel dieser besonderen UN-Charta lautet „Transformation unserer Welt: die Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung.“ „Weltzukunftsvertrag“ klingt ebenfalls nicht schlecht. Zumal schon die alten Römer gelehrt haben: „Pacta sunt servanda.“ Verträge sind einzuhalten. Papier ist indes ebenso geduldig, wie Pergament es schon damals gewesen ist. Böse Menschen behaupten, Verträge seien dazu da, um gebrochen zu werden. In der pragmatischen Praxis gelten solche Vereinbarungen so lange als gut, wie sie dem eigenen Interesse dienen.

    Nun soll ja besagter Vertrag die Zukunft der ganzen Welt sichern und nicht nur partikularen Interessen dienen. Etwas Besseres kann der Menschheit sowie der Tier- und Pflanzenwelt gar nicht passieren. Diese hoffnungsvolle Aussicht hat nur einen kleinen Haken. Der Wunsch der Völker erfüllt sich allzu selten im Handeln ihrer Regierungen. Zu viele Autokraten, Diktatoren und Tyrannen von West bis Ost und Süd bis Nord treten die Menschenrechte mit Füßen und halten die Charta der Nachhaltigkeitsziele für einen Kanon der Unzumutbarkeiten.  Der italienische Innenminister Matteo Salvini und Chef der rechten Lega will Kapitäne bestrafen, die mit Geflüchteten an Bord in italienische Hoheitsgewässer fahren. Vielleicht sollte er mal die Biennale in Venedig besuchen. Dort steht am Rand der alten Schiffswerft Arsenale ein Wrack aufgebockt. Der für 15 Matrosen gedachte Fischkutter war am 18. April 2015 193 Kilometer vor der italienischen Insel Lampedusa gekentert und gesunken. An Deck und im Bauch zwischen 700 und über 1100 afrikanischen Flüchtlingen, so die Schätzung. Um die Leichen bergen zu können, musste eine viereckige Öffnung in die Bordwand geschnitten werden. Im Kontext der Biennale mit Genderthemen und Beiträgen zu Klimawandel, Rassismus, Digitalisierung und Globalisierung stellt sich die Frage, ob das von dem Schweizer Künstler Christoph Büchel installierte Schiff Kunst oder Mahnmal oder beides in einem ist. Engagierte Kunst hat immer einen mahnenden Charakter. Deshalb steht das Wrack mit seiner grauenvollen Vergangenheit am Rand der Biennale und eines kleinen Hafens, in dem Polizeiboote vor Anker liegen, genau am richtigen Ort. Ach ja, Salvini. Wir würden ihm eine Nacht im Bauch des Kahns gönnen. Ganz im Finstern, ohne Loch in der Seitenwand. Vielleicht würde ihm dann ein Licht aufgehen. 

    Die SWR-Redakteurin Filiz Kükrekol hat übrigens folgenden Vorschlag gemacht, das vor 70 Jahren beschlossene Grundgesetz zeitgemäß zu ergänzen: ‚Die Bundesrepublik Deutschland ist ein Einwanderungsland. Alle Menschen nehmen in gleicher Weise an unserem Zusammenleben teil. Dieses Zusammenleben auf allen Ebenen durch Integration zu fördern, ist das Ziel aller Organisationen im Land.“ Mit den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen und der 1948 von den UN verabschiedeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte als Basis. Beide sind rechtlich nicht bindend. Umso stärker setzen wir auf das Prinzip Hoffnung. 

Wolfgang Nußbaumer

 

 

 

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