Kosminskis finstere Komödien Empfehlung

Das theatralische Quartett der Stuttgarter Staatstheater. Das theatralische Quartett der Stuttgarter Staatstheater. Foto: Björn Klein

Insgesamt 18 Neuproduktionen, darunter sieben Ur- und Erstaufführungen und vier Koproduktionen stehen auf dem Spielplan des Stuttgarter Staatsschauspiels für 2019/2020.

    Bei der Jahrespressekonferenz der Württembergischen Staatstheater Stuttgart haben Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski und Chefdramaturg Ingoh Brux das Programm für ihre zweite Spielzeit vorgestellt .Experimentelle Abende im Kammertheater (DIE NEUE KAMMER), diskursive Formate mit Kultur- und Medienpartnern, Matineen und eine Vielzahl an Extraveranstaltungen sowie das umfangreiche Angebot der Theatervermittlung runden das Programm neben vier Koproduktionen ab, unter anderem mit den Salzburger Festspielen und den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Aus der Spielzeit 2018/19 werden 21 Produktionen wiederaufgenommen, darunter auch die gefeierte Koproduktion mit der Staatsoper Stuttgart, dem Stuttgarter Ballett und Peaches. Die sieben Todsünden / Seven Heavenly Sinskehrt im März 2020 für vier Vorstellungen zurück ins Schauspielhaus.

   Eröffnet wird die neue Saison 2019/20 am 21. September 2019 mit Calixto Bieitos Inszenierung von Ödon von Horváths Volkstück "Die italienische Nacht" im Schauspielhaus.

   Die zentralen Leitgedanken für das Schauspiel Stuttgart bleiben auch in der zweiten Spielzeit der Intendanz Kosminski die Auseinandersetzungen mit Stuttgart und der Stadt als Lebensraum, die Erweiterung des künstlerischen Blickfelds durch europäisch- internationale Perspektiven und Handschriften, und die Förderung zeitgenössischer Dramatik. „Ein lebendiges Gegenwartstheater braucht zeitgenössische Autorinnen und Autoren“, davon ist Burkhard C. Kosminski fest überzeugt. In der kommenden Spielzeit werden deshalb neue Stücke von Theresia Walser, Noah Haidle, Thomas Melle, Ebru Nihan Celkan, Lutz Hübner und Sarah Nemitz zur Uraufführung kommen.

   Gerade mit Blick auf die politischen Umwälzungen und Spaltungsbewegungen in Europa sind internationale Zusammenarbeiten ein wichtiges Mittel, um miteinander im Gespräch zu bleiben. Deshalb werden in der Spielzeit 2019/20 internationale Regisseure wie Calixto Bieito, Oliver Frljić, Selma Spahić, Zino Wey und Robert Icke wieder in Stuttgart inszenieren. Robert Icke, der in der letzten Spielzeit für seine Stuttgarter "Orestie" mit dem renommierten Kurt-Hübner-Regiepreis ausgezeichnet wurde, wird in der Spielzeit 2019/20 nur für eine Arbeit nach Deutschland kommen: für das Schauspiel Stuttgart überschreibt er Anton Tschechows Zeitstück "Iwanow".

   Das 2018/19 zusammen mit dem Nowy Teatr Warschau und dem Zagreb Youth Theatre gegründete Europa Ensemble geht in seine zweite Spielzeit. Nach" Imaginary Europe" (UA) in der Regie des künstlerischen Leiters Oliver Frljić (Stuttgart, April 2019), "Erasmus" (UA) in der Regie von Anna Smolar (Warschau, Juli 2019) und "The eternal philistine" (AT) (nach Horváth: Der ewige Spießer) in der Regie von Anestis Azas (Zagreb, Oktober 2019) wird im März 2020 die junge bosnische Theatermacherin Selma Spahić im Kammertheater gemeinsam mit den sechs polnischen, kroatischen und deutschen Schauspielern einen Blick auf die Zukunft des europäischen Projekts werfen. Welche Werte könnte ein europäisches „Wir“, trotz individueller und nationaler Identitäten, heute konstruieren? Für Ende 2019/20 bzw. Anfang 2020/21 ist abschließend eine Werkschau mit allen Produktionen des Europa Ensembles in Stuttgart geplant.

   Unter der Überschrift ALS OB ES EIN MORGEN GÄBE erzählen die Theaterabende der kommenden Spielzeit vom Ringen um gesellschaftlichen Zusammenhalt und von der Verunsicherung angesichts einer sozial wie politisch ungewissen Zukunft. Calixto Bieito liest Horváths "Die italienische Nacht" als prophetische Warnung vor der Blindheit demokratischer Kräfte angesichts des aufziehenden Nationalismus und dem Zusammenbruch der Zivilgesellschaft. Theresia Walser wirft in ihrem neuen Stück "Die Empörten", das in der Regie von Burkhard C. Kosminski bereits im August bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt und ab Januar 2020 in Stuttgart zu sehen sein wird, einen Blick auf eine Stadt im Erregungszustand und auf die Verrohung der politischen Kultur. „Ich halte Erdbebenspalten zusammen!“, beschreibt die Bürgermeisterin in Walsers „finsterer Komödie“ ihre Bemühungen um den sozialen Zusammenhalt ihrer Stadt, wofür sie zur Zielscheibe von hasserfüllten Bürgern und einer rechtspopulistischen Politikerin wird. Theresia Walser hat das Stück auf ein erstklassiges Ensemble geschrieben: Caroline Peters, André Jung, Silke Bodenbender, Anke Schubert und Sven Prietz. Ebru Nihan Celkan untersucht in ihrem neuen Stück "!Last Park Standing" (Regie Nuran David Calis) die Auswirkungen der politischen Proteste in der Türkei der 2010er Jahre auf private (Liebes-)Beziehungen.

   Um Machtmissbrauch zwischen den Geschlechtern und festgewachsene Geschlechterstereotypen geht es in Lutz Hübners und Sarah Nemitz‘ neuem Stück "Die Wahrheiten" (Regie Sophia Bodamer). Gibt es nach #metoo noch eine gemeinsame Definition, wo die Grenzen des Angemessenen verlaufen? 

   Georg Büchners "Woyzeck" (Regie Zino Wey), Fjodor Dostojewskis "Schuld und Sühne" (Regie Oliver Frljić) und das neue Stück "Weltwärts" des amerikanischen Dramatikers und Drehbuchautors Noah Haidle (Regie Burkhard C. Kosminski) thematisieren aufunterschiedliche Weise die problematische Frage nach „gutem“ und „schlechtem“ Leben. Während sie bei Büchner und Dostojewski als Legitimation für eine moralische Abwertung „der Anderen“ und damit zur Verstärkung der gesellschaftlichen Spaltung dient, führt sie bei Noah Haidle im Gegenzug zum Nachdenken über das „gute Sterben“. In derTragikomödie "Weltwärts" feiert eine todkranke Frau eine Abschiedsparty und nimmt sich mit ihrem assistierten Suizid das Recht, den Zeitpunkt und die Umstände ihres Lebensendes selbst zu bestimmen.

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Macht Lust auf das Theaterpaket: das Spielzeitbuch. (Foto: Julia Sang Nguyen)

   „Die Miete ist die soziale Frage unserer Zeit“, heißt es im neuen Stück "Die Lage" des vielfach ausgezeichneten Dramatikers Thomas Melle (Regie Tina Lanik). Aktuell ist die Frage nach bezahlbarem Wohnraum der Kristallisationspunkt nicht nur in Stuttgart, sondern in vielen unserer Städte. Wer sich in Zukunft noch eine Wohnung in einer begehrten Innenstadtlage leisten kann und wer nicht, könnte bald zu neuen Klassenkämpfen führen. Auch der jüngst mit dem Preis der Leipziger Buchmesse und dem Friedrich-Hölderlin-Preis ausgezeichnete Roman "Schäfchen im Trockenen" von Anke Stelling setzt sich mit dem brisanten Thema Wohnen als soziale Frage auseinander. Wer bin ich, wenn ich nicht geerbt habe und mir keine schicke Eigentumswohnung leisten kann? Welche Freundschaften sind auf Dauer belastbar, wenn unterschiedliche Berufe in unterschiedliche soziale Schichten führen? Der als wütender Aufklärungsmonolog für die Tochter verfasste Text der in Stuttgart aufgewachsenen Autorin wird voraussichtlich im Januar 2020 im Schauspiel Stuttgart uraufgeführt.

   Wie wichtig Erinnerungsarbeit immer noch ist, zeigte nicht erst die öffentliche Infragestellung des Gedenkens an die Gräueltaten der NS-Zeit durch führende Mitglieder rechtspopulistischer Parteien. Seit seiner Uraufführung 2008 an den Münchner Kammerspielen hat Elfriede Jelinkes Stück "Rechnitz (Der Würgeengel)", ausgezeichnet mit dem Mülheimer Dramatikerpreis, nichts an Relevanz verloren. Ab März 2020 wird die legendäre Inszenierung von Jossi Wieler mit Katja Bürkle, André Jung, Hans Kremer und Hildegard Schmahl am Schauspiel Stuttgart zu sehen sein.

   Ab der Spielzeit 2019/20 wird Gábor Biedermann (Deutsches Theater Berlin, Theater Basel, Salzburger Festspiele, Volkstheater Wien) das Ensemble ergänzen. Im Gegenzug geht Itay Tiran ans Burgtheater Wien, wird dem Schauspiel Stuttgart allerdings als Gast erhalten bleiben.

   Intendant Burkhard C. Kosminski wird in der kommenden Spielzeit seinen direkten Dialog mit dem Publikum weiter intensivieren und das bisherige Format HAUSBESUCHE um SCHULBESUCHE ergänzen. Im Rahmen seiner Offensive für eine breitere kulturelle Teilhabe sind die SCHULBESUCHE ein Angebot für Schulen aller Art, sich in ihren Schul- und Lehrerkonferenzen mit dem Intendanten persönlich über den neuen Spielplan auszutauschen und gemeinsam über Möglichkeiten nachzudenken, wie Schüler für das Theater begeistert werden können.

pm

 

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