Ein Jäger und Sammler Empfehlung

Werner Zaiß erläutert einige seiner grafischen Arbeiten. Werner Zaiß erläutert einige seiner grafischen Arbeiten. Fotos: -uss

Ein erster Rundgang durch die Galerie von Werner Zaiß in Aalen offenbart, dass wir es hier mit einem echten Jäger und Sammler zu tun haben.

    Allerdings mit einem skeptischen. In der frühen Geschichte der Menschheit ist er thematisch ebenso zuhause wie in der Gegenwart und Zukunft. Hier die an ferne Vergangenheit erinnernden Insignien und Symbole, dort bissige Blätter gegen die Stationierung von Pershing-Raketen in Mutlangen. Zeitungsbilder, die Heinrich Böll, Walter Jens und die Aktiven der Hütte in Mutlangen zeigen, werden sicher bei manchen vor dem geistigen Auge auftauchen. Diese Raketen sind zwar längst Vergangenheit, die Welt jedoch ist kein Jota friedlicher geworden. Im Gegenteil. Die „Friedenstaube“ liegt zerfleddert da als makabres und bitteres Still-Leben.

    Werner Zaiß will diesen Querschnitt durch sein Schaffen in 40 Jahren nicht als großes Orchester sondern als Kammermusik verstanden wissen. Die Dimension der Galerie verlangt für seine erste eigene Ausstellung nach zehn Jahren Pause eine Konzentration auf das Wesentliche. Deswegensieht man auch keine Retrospektive, sondern eine gezielte Auswahl an Druckgrafik unterschiedlichster Machart. Ferner einige seiner grazilen, formal ganz reduzierten Stelen für drinnen und draußen. Manche scheinen sich direkt zu eigenständigem So-Sein aus der zweiten Dimension herausbegeben zu haben. Motiviert zu dieser Ausstellung hat ihn vor allem die Absicht, den Galeristen wieder als Künstler in Erinnerung zu bringen.

    Sein kritischer Blick auf die Welt schaut einen aus allen Blättern an. Beginnend mit den frühen Siebzigerjahren, als ihn Bertolt Brechts Song von der „Seeräuber-Jenny“ zu einem noch vom Realismus geprägten, erzählerisch ungemein dichten Druck inspiriert hat. In die Gesellschaftskritik des handwerklich perfekten Schwarzkünstlers fließt auch eine flammende Anklage des Vietnamkrieges ein. Oder neben der Attacke auf die Raketenstationierung einst vor unserer Haustür eine karikierende Polemik gegen die Tiefflieger, die während des Kalten Krieges manchmal im Minutentakt über unsere Köpfe hinweggedonnert sind. „Nur noch 30 Meter“ hat Werner Zaiß sarkastisch das Blatt überschrieben. 

    Ihn reizen die Gegensätze; die heile und die zerstörte Natur, die heile und die gefährdete Welt, zugespitzt: Leben und Tod. Ein Beispiel aus der Architektur: Er stellt das ehemalige Frauengefängnis in Bad Cannstatt und die Fassade der Firma Merkel in Esslingen einander gegenüber. Der Industriebau wirkt auf den Betrachter wesentlich unfreundlicher als der Knast. In enger Nachbarschaft zur schon erwähnten arg zerzausten Friedenstaube hängt ein Labyrinth. Der Künstler verweist dazu auf das in den Boden der Kathedrale von Chartres eingearbeitete konzentrische Wegenetz. Es führt von einem Eingang zu einem Ziel; auf verschlungenen Pfaden zwar, doch ohne Täuschungen.

   Basierend auf dem klassischen Wegemuster wie jenem von Knossos, durch das der antiken Sage nach der rote Faden der Ariadne den Theseus geleitet hat, dienten die christlichen Nachfolger dazu, sündige Menschen auf die Knie zu zwingen. Als Buße mussten sie beispielsweise durch das Labyrinth rutschen. Wenn die Tortur sie denn schlussendlich ins Paradies geführt haben sollte, hat sie sich wenigstens gelohnt. Nicht zu verwechseln mit dem Labyrinth, das es bis in unsere Gegenwart in verschiedenen Ausformungen von der Gartengestaltung bis zum Verirrspiel im Maisfeld geschafft hat, ist der Irrgarten. Eine Erfindung des italienischen Manierismus. Gedacht zum vergnüglichen Lustwandeln und nicht zur Kontemplation und Meditation. An dieses Labyrinth als strenge Form, exakt an jenes von Chartres knüpft Werner Zaiß mit seiner Darstellung an – als Heilbringer für das malträtierte Geflügel. Darauf weist die blaue Feder am Fuß des Labyrinths hin.

    Seine erste Radierung hat der Künstler vor knapp 50 Jahren ins Metall geritzt. Inspiriert dazu hat ihn nicht nur ein Foto des für seine weich gezeichneten und meist ziemlich leicht bekleideten Mädchen bekannt gewordenen britischen Fotografen David Hamilton, sondern auch der melancholische Song „Susan“ von Leonard Cohen. Wie das halt so war mit den Ideengebern damals zu Beginn der Siebziger. Möglicherweise ebenfalls ein historischer Gegensatz: die Achtundsechziger und die Sehnsucht nach Romantik. 

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     Ob nun die Gegensätze zur Erkenntnis führen – oder deren Darstellung aus der Erkenntnis resultiert sind die zwei Seiten einer Medaille. Mit dem großen Farbholzschnitt „Januskopf“ hat Werner Zaiß dafür eine imposante Metapher gefunden. Eine weitere bildet er auf dem Blatt „Fortschritt und Erkenntnis“ ab. Der „Spieltisch mit Zutaten“, so der Untertitel, bietet alles an, was man zum Hauen und Stechen braucht. Was will uns der Radierer und Holzschneider damit sagen? Der moralische, ethische, humanistische oder wie auch immer geartete Fortschritt des Menschseins hat mit der technischen Entwicklung nicht Schritt gehalten. Statt mit Pfeil und Bogen oder dem Bumerang beschießen wir den Feind mit Raketen und Drohnen. Der Vorteil: Wir müssen ihm nicht in die Augen sehen und können ihn aus der Ferne erledigen. Das senkt die Hemmschwelle wesentlich.

    In diesem Verständnis treibt Werner Zaiß eine permanente Schwellenangst um und an. Sie beflügelt letztlich auch den Sammler in ihm. Retten, was zu retten ist, sichern, was zu sichern ist. In dem Bild „„1984“ mit Blick auf ’85“ , einem Selbstbildnis mit George Orwell, hat er dafür eine sinnfällige Metapher gefunden. Wie wir wissen, hat die digitale Wirklichkeit Orwells düsteren Blick, den er auf der unwirtlichen schottischen Hebrideninsel Jura in die Zukunft geworfen hat, schon längst überholt. „Back to the roots“, zurück zu den Wurzeln, bezeichnet die Richtung, in die Zaiß’ Sammeltätigkeit führt. Zurück zu den Arbeiten indigener Völker, die mit einfachen Mitteln eindrucksvolle Werke schaffen. Und, notabene, die europäische Kunst maßgeblich beeinflusst haben. Die schlichte und ausdrucksstarke Gestaltung der Masken und Figuren, allesamt mystische Sinnbilder fremder Kulturen, erfüllten die Sehnsucht der Künstler nach einer „neuen Natürlichkeit“. Da ist es auch für Zaiß nur ein kurzer Schritt zu den Formen aus dem reichen Fundus der Natur.

   Ohne Zweifel bewegt sich auch Werner Zaiß in dieser Tradition. Als Beleg darf die Serie „Sammlung“ mit ihren ikonenhaften Symbolen dienen. Leicht kann man sie als Formen aus der Natur deuten. Diese beschränkt sich indes nicht auf die Flora. In die Fauna – und in die Pop-Geschichte - entführt uns der Griechenlandfan mit „Octopus’s Garden“. Beim Schnorcheln hat er sich nicht nur im Krakenrevier getummelt, sondern im klaren Meer die Wasseroberfläche von unten betrachtet. Schon wieder konfrontiert er uns mit Ambivalenz. Dieser Blick aus der Tiefe muss allerdings wesentlich reizvoller sein, als die Draufsicht. Das verrät uns die in Acrylglas gefasste Serie „Wasser“ mit ihrem Objektcharakter. Die für den malerischen Mehrfarbendruck besser geeigneten Linoldrucke scheinen in den Gehäusen zu schwimmen. Man kann sie als Metapher für ein Prinzip interpretieren, das schon der antike griechische Philosoph Heraklit in seiner Lehre von der Einheit aller Dinge beschrieben hat: Panta rhei - Alles fließt und nichts bleibt; es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln.“  In einen Bilderrahmen eingepasst, wirken sie  zwar exquisit dekorativ, ihre flüssiges Temperament haben sie jedoch verloren. Man sieht einmal mehr, wie stark die Fassung die Wahrnehmung des Inhalts beeinflusst. Das gilt nicht nur für die bildende Kunst. 

    Vom Realismus ausgehend, hat sich das Schaffen des Künstlers hin zur Abstraktion entwickelt. Dabei ist er jedoch dem Gegenstand immer verbunden geblieben. Ob als Landschaft wie Arkadien auf dem Peloponnes, das zugleich ein literarischer Sehnsuchtsort ist, oder einfach als Pflanze. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. In dieser Pflanze könnte ein menschliches Antlitz versteckt sein, wodurch das Bild einen mimetischen Charakter erhält. Zu Werner Zaiß, der Vergangenheit in die Zukunft transportiert, passt ein Zitat aus der Poetik des Aristoteles. Denn für den Schüler Platons gäbe es, wie man bei Wikipedia nachlesen kann, „ohne die Kunst für Vieles kein Ventil und keine Ausdrucksmöglichkeit“. Der alte Grieche also stellt wahrlich dauerhaft und nachhaltig fest: „Denn von den Dingen, die wir in der Wirklichkeit nur ungern erblicken, sehen wir mit Freude möglichst getreue Abbildungen, z.B. Darstellungen von äußerst unansehnlichen Tieren und von Leichen.“ Womit sich der Kreis zur zerfledderten Friedenstaube schließt.

Wolfgang Nußbaumer 

 

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