Schwarzweiß - ganz differenziert Empfehlung

Bernarda Alba und ihre Töchter sitzen zwischen allen Stühlen. Bernarda Alba und ihre Töchter sitzen zwischen allen Stühlen. Foto: Thomas Aurin

Schwarz und weiß – und dann und wann ein grünes Glitzerkleid.

   Schwarz sind die Stühle, die auf der weißen Rückwand wie ein Stillleben im Geiste Eugène Ionescos hängen. Schwarz die Stühle, auf der die ganz in Schwarz gekleideten Schauspielerinnen Platz nehmen. In Bernarda Albas Haus gibt es keine Kompromisse signalisiert bereits Alfons Flores’ Bühnenbild des von Calixto Bieito am Stuttgarter Schauspiel fesselnd inszenierten Stückes von Federico Garcia Lorca. Es zeigt in der großartigen Gestalt von Nicole Heesters, dass die Herrin des Hauses über Leichen geht, um ihre Herrschaft über die fünf Töchter durchzusetzen.

   Vordergründig geht es um die Trauer über den Tod des Gatten und Vaters und um deren Dauer. Tatsächlich jedoch um Macht und deren Mechanismen zur Unterdrückung, um nicht gelebte Lust, um Neid, Geiz, Misstrauen, um Lüge und letztlich um alles verzehrendes Leid. Bieito stilisiert das Stück zur antiken Tragödie; indem er es jedoch genauso deutlich in Absurdistan verortet, entlarvt er die Sinnlosigkeit des von Bernarda Alba verordneten achtjährigen Trauerrituals.

   Die Töchter dürfen nicht, wie sie wollen. Die permanente Triebunterdrückung führt zu verschiedenen Formen der Implosion – und einer Explosion. Adela verliebt sich in den Verlobten ihrer ältesten Schwester Angustias. Irgendwie schafft sie es, im funkelnd grünen Kleid den Adleraugen der Mutter zu entwischen und dem Mann, der in diesem reinen Frauendrama nicht als reale Person auftaucht, intim zu begegnen. Damit stürzt die moralinsaure Fassade der vermeintlichen Anständigkeit wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Nur nicht nach außen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. „Schweigen“ befiehlt die strenge Zuchtmeisterin am Ende. Zuvor hatte sie noch – aufgegeilt durch Bettgeschichten, die aus dem Dorf zu ihr durchgedrungen sind - auf dem Stuhl sitzend brünstig Geste ihren Rock weit hochgeschoben. Sie juckt’s ja auch, doch kratzen darf sich niemand. Wozu dann eigentlich aus dem weißen Leinen, das sie den Töchtern zuwirft, die Aussteuer nähen?

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Bernarda Alba (Nicole Heesters) demütigt ihre Dienerin und Vertraute La Poncia (Anke Schubert), indem sie sich von ihr in die Schuhe helfen lässt

 

   Gemeinerweise macht sich der Verlobte vom Acker. Für Angustias und Adela bricht eine Welt zusammen. Die jüngste Schwester hängt sich auf; im grünen Glitzerkleid. Aus der Traum.

   Ganz zu Beginn war eine nackte Frauengestalt (die „Artistin“ Kaatie Akstinat) an einem Seil in den Bühnenhimmel entschwebt. Ein Symbol der Libido, die sich gleich verabschiedet? Am Ende schwebt sie wieder wie ein gekreuzigter Christus über einer langen schwarzen Tafel, an der Bernarda Alba und ihre Töchter sehr dekorativ eine leuchtend grüne Wassermelone verspeisen. Wer bei dieser Szene an das letzte Abendmahl denkt, liegt sicher richtig. Nur ist es dessen zynische Umkehrung. Nicole Heesters thront mit ihrem grauen Kurzhaarschnitt in der Mitte wie ein gnadenloser General. Neben ihrer souverän herrischen Präsenz hat das Quintett der Töchter (Josephine Köhler als Angustias, Anne-Marie Lux als Magdalena, Jelena Kunz als Amelia, Paula Skorupa als Martirio und Nina Siewert als Adela) bis auf letztere Mühe, sich zu behaupten. Siewert spielt mit Verve den aufmüpfigen Gegenpol, der dann doch am unerbittlichen Matriarchat scheitert. Da kann auch Anke Schubert als Dienerin, Schuhabstreifer und Vertraute mit ihrer immer wieder von emotionalen Eruptionen aufgebrochenen stoischen Gelassenheit nichts ändern.

   Nicht vergessen darf man in diesem Frauenhaus die wenigen, dafür umso einprägsameren Auftritte der betagten Elke Twiesselmann als demente Großmutter. Wie sie da auf der wie ein schwankender Boden anmutenden dunklen Seite des umgeklappten weißen Bühnenhintergrunds steht und mit brillanter sprachlicher Klarheit hellsichtige Sätze sagt – das ist höchste Sprechkunst.

   Info:Nächste Aufführungen Mo., 20. Mai; So., 9. und Mi., 26. Juni, jeweils 19.30 Uhr; Dauer ca. 100 Min., keine Pause; Karten unter Tel. 0711/202090 sowie tickets@staatstheater-stuttgart.de

Wolfgang Nußbaumer

 

   

       

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