Traumtänzerin Kacerova Empfehlung

Traumtänzerin Kacerova Fotos: Stuttgarter Ballett
Das Stuttgarter Ballett hat einen seiner berühmten ehemaligen Tänzer und Choreographen wieder nach Stuttgart eingeladen: Jirí Kylián. 
   Vor 50 Jahren hatte der damalige Intendant John Cranko den jungen tschechischen Tänzer Jirí Kylián von London nach Stuttgart geholt. Jetzt  hat es ihm der neue Ballettchef Tamas Detrich nachgemacht.
   Das abendfüllende Ballett „One of a Kind“ riss das Publikum zu minutenlangen Standing Ovations hin. Die bahnbrechende Choreographie von Jirí Kylián zog das Premierenpublikum in ihren Bann. Die Auftragsarbeit war Kylián als Ballettdirektor des Niederländischen Tanztheaters NDT zum 150. Jubiläum der niederländischen Verfassung übertragen worden. Er setzte sich philosophisch-künstlerisch mit dem ersten Artikel der Verfassung auseinander, auf dessen Grundüberzeugung diese steht. Zentralgedanken wie im deutschen Grundgesetz auch sind die Gleichheit vor dem Gesetz und dass niemand wegen seiner religiösen, weltanschaulichen oder politischen Anschauungen, seiner Rasse, seines Geschlechtes oder aus anderen Gründen diskriminiert werden darf. 
   Die Umsetzung in choreographierte Tanzsprache stellte eine Herausforderung dar, die bravourös gelöst wurde. Ein Erfolg nicht nur für das Jahr 1998 in Den Haag und der Uraufführung. Das für den Anlass geschriebene Werk überdauerte diesen und wirkt eindrucksvoll weiter. Im Zentrum steht das Individuum und gleichwertige weitere Einzelne mit ihren Freiheiten, die sich zu neuen Symbiosen verbinden oder sich abstoßen können.
   Die Protagonistin Miriam Kacerova tritt an, erhebt sich aus den Zuschauerrängen, bewegt sich vorsichtig tastend über eine Brücke auf die Bühne. Tanzt selbstvergessen, allein, bis sich zappelnd eine weitere Tänzerin auf die Bühne wagt. Ungestüm springen zwei Tänzer hinzu, erobern sich Raum, greifen dominierend die Tänzerinnen und versuchen, sich diese in Tanzfiguren unterzuordnen. Die Tänzerinnen lassen sich ihren eigenen Ausdruckswillen nicht rauben und weisen die männlichen Avancen zurück.
 
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Traumpaar: Miriam Kacerova und Jason Reilly
 
   Aus dem Orchestergraben begleitet das Cello von Francis Gouton den ersten Akt. Die eigens für "One of a Kind" geschriebene Komposition von Brett Dean vereint barocke und geistliche Klänge mit Naturlauten von Vogelgezwitscher, Gesualdo, Britten bis John Cage mit Einsatz moderner Geräuchtechniken. Immer mit dabei der erste Solocellist des Staatsorchesters Stuttgart. Ab dem zweiten Akt auf der Bühne, im dritten dann erhöht weiter hinten im Bühnenraum.
   Das Bühnenbild hat der japanische Architekt Atsushi Kitagawara gestaltet, eindrucksvoll minimalistisch. Ein abstraktes Ambiente, das durch die raffinierte Lichtregie in der Neugestaltung von Kees Tjebbes kubistisch anmutet und das Auge des Betrachters zu den Schauplätzen führt und die Bewegungen der Tänzer hervorhebt oder ins Vage verschiebt.
   Die Protagonistin bleibt während der gesamten Aufführung auf der Bühne - auch während der Pausen mit Kulissenumbau, mal tanzend, mal hingestreckt, mal beobachtet sie die Tanzschritte und Bewegungen der anderen, mal ist sie selbst aktiv solistisch oder in Duets, oder Pas de Trois unterwegs.  Die Kostüme von Joke Visser mit knappen Höschen und dunkelgrundigem Oberteil mit dezenten Farbtupfern als Einteiler lassen die Bewegungen betont zum Ausdruck kommen.
   Der Tanzsprache fasziniert mit so vielseitigen Facetten, mal meditativ, in Zeitlupentempo langsam, filigran, mal stürmisch und wild , dass in jedem Moment die Spannung aufrechterhalten bleibt. Der Choreographie gelingt es, den Zuschauer zu fesseln, Interpretationsangebote zu machen, überlässt aber Deutung oder ästhetischen Genuss dem Publikum.
   Mit einem letzten Solo entschwindet Kacerova von der Bühne. Man kann einen Reigen von Geburt bis Tod hineinlesen, muss es aber nicht. 
 
   Info: Weitere Aufführungstermine: 2. März, 3. März, 9. März, 10. März, 16. März, 19. März, 23. März, 30. März, 31. März sowie 27. Juli. 
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