Klanghauch im Stahlgewitter Empfehlung

  • geschrieben von 
  • Gelesen 55 mal
In großer Besetzung macht KMD Thomas Haller in der Aalener Stadtkirche ein fulminantes Requiem zum kirchenmusikalischen Ereignis. In großer Besetzung macht KMD Thomas Haller in der Aalener Stadtkirche ein fulminantes Requiem zum kirchenmusikalischen Ereignis. Foto: Peter Schlipf

„Dies irae“ – Tag des Zorns. Stahlklanggewitter, der reinste tonale Furor, der sich am Ewigkeitssonntag tosend von der Chorempore ins Schiff der Aalener Stadtkirche ergießt.

   Ohne Zweifel ist schon der zweite Satz der Höhepunkt von Karl Jenkins’ „Requiem“, den sich das stattliche Publikum als Zugabe nochmals erklatscht hat.

   Der 1944 geborene Waliser hat mit Sicherheit Orffs „Carmina burana“, Gershwins Oper „Porgy and Bess“, die „Dreigroschenoper“ und was sonst noch an gängigen Hits der klassischen Moderne der Musik auf die Bühnen gekommen ist, aufgesogen wie ein Schwamm. Dieses musikalische Erbe hat er für sich im kompositorischen Cocktailbecher kräftig durchgeschüttelt und mit einigen markanten Geschmacksnoten aufgemöbelt.

   Das Ergebnis beißt manchmal –  geht insgesamt jedoch etwas zu süffig in die Gehörgänge. Man spürt überall den versierten Keyboarder und Oboisten, der Jazzrockbands wie „Nucleus“ und „Soft Machine“ wesentlich inspiriert hat. Jenkins Markenzeichen waren schon damals ausgedehnte ostinate Grundierungen, ob im Bass oder als Oberstimme, über die er seine Melodiebögen schwingt.

   Im Requiem mixt er Elemente des Ethno-Pop und der Minimal Music mit fernöstlicher Harmonik. Analog zum Wechselspiel der christlichen Messe-Texte und japanischer Haikus. In einigen Sätzen führt Jenkins sie sogar zusammen. Beispielhaft verschränkt er sie im 10. Stück „Having seen the moon“, das mit Schlägen aus der  präzisen Percussiongruppe (Anne Haller, Leander Brune, Benjmin Engel) auf ein Röhrenglockenspiel eingeleitet wird; Big Ben lässt grüßen. Im Gegensatz dazu spinnt im 8. Satz „Now as a spirit“ ein Xylophon mit Singstimmen und Streichern ein feines Klanggespinst, das sich zu einem festen Netz ausweitet.

   Für den großen Chor aus Aalener Kantorei, Jugendkantorei und weiteren Vokalisten sind die dynamischen Klippen des Requiems sicher eine große Herausforderung.  In Kirchenmusikdirektor Thomas Hallers klarem Dirigat können sich indes alle sicher geborgen fühlen wie in Abrahams Schoß - und bewältigen diese Aufgabe mit Bravour.

   Nach dem Crescendo des „Dies irae“, dessen abruptes Ende einem fast den Atem nimmt, umhüllt einen als willkommener Kontrast mit „The snow of yesterday“ der sanfte Klanghauch junger Frauenstimmen. Um diese Gegensätze durch akkurate chorische Präsenz zu betonen, muss Haller jedoch weit die Arme schwingen. Nicht alle Einsätze gelingen ansatzlos; ein paar mal muss er die hohen Stimmen mit den erhobenen Handflächen förmlich noch ein bisschen höher stemmen.

   Ohne Tadel und nahezu ohne Fehl musiziert das Orchester. Ein besonderes Lob verdienen in seinen Reihen neben dem Chor der Streicher die zusammen mit dem vorzüglichen Harfenisten Tobias Southcott und dem Schlagwerker Alfred Ruth vor der von Claudia Dolmetsch angemessen behutsam "geschlagenen" Orgel platzierten und ohne geringsten Kiekser intonierenden jungen Hornistinnen Berit Kumkar und Sophie Hoch sowie die Flötistin Dietlinde Fuchs für ihren makellosen Ton.

   Als 13. Stück intonieren Chöre und Orchester „In Paradisum“, ganz innig sanft verklingend als harmonischer Choral. Requiem – Ruhe; Haller lässt sich und dem ergriffenen Publikum lange Zeit, bis er den Taktstock senkt.

Wolfgang Nußbaumer

      

    

Nach oben