Hinreißende Raserei Empfehlung

Farbenlehre aus dem Jazzuniversum: Das Michael Wollny Trio malt sich was aus. Farbenlehre aus dem Jazzuniversum: Das Michael Wollny Trio malt sich was aus. Foto: -uss

Kontrastprogramm Donnerstagabend in der Aalener Stadthalle.

   Das 27. Jazzfest kontert das grandiose Michael Wollny Trio mit der Performance „Shakespeare is dancing on the floor“ als Welturaufführung. Rasende Tastenläufe treffen auf rasende Tänzerinnen und Tänzer. Der Zufall spielt indes keine Rolle. Das unmittelbar Spontane fußt felsenfest in Perfektion.

   Kompositionen der beiden neuen Scheiben „Oslo“ und „Wartburg“ – beide vor Ort aufgenommen – bilden den Schwerpunkt des Stück-Werks, das der Klavierprofessor aus Leipzig mit dem Bassisten Christian Weber und dem Schlagzeuger Eric Schaefer zum Klingen bringt. Klassische vermählt sich mit Neuer Musik auf dem gemeinsamen Nenner „Jazz“. Akustisch heißt das, die Hummeln fliegen den Säbeltanz.

    Summ, summ – durchaus; alle Harmonieseligen lehnen sich entspannt zurück. Bis Wollny seinem Flügel in die Saiten greift und diese gequält dumpf zum Schwingen bringt. Ganz hellhörig wird da der Mann am Bass, sattelt noch eins drauf auf seinem Tieftöner, schiebt ihm den Bogen unter die Saiten, dass das Gerät förmlich stöhnt. Ganz nach dem Geschmack des Virtuosen mit Stöcken und Besen ist das. Mit brachialen Breaks bricht er ins asthmatische Geröchel ein, das wie von Zauberhand gesteuert richtig süffig in moderate Bahnen zurückkehrt.

    Genau genommen sind es zwei Hände. Die des Pianisten. Was er auf den Tasten anstellt, grenzt an Akrobatik ohne Netz und doppelten Boden. Braucht er nicht, denn Wollny ist sein eigenes Netz. Eine geschlagene halbe Stunde loten sie die „Farbenlehre“ des Vormanns aus. „Longnotes“ mag er ohnehin in seinen Kompositionen. Nur für die Tonträger werden sie abgespeckt. Deshalb ist es ein großes Glück, wenn man dieses Solistentrio „live“ erleben darf. Erstens wegen der ausgedehnten Improvisationen und zweitens wegen des optischen Miteinanders. Da funkt’s wie in einer Hochspannungsleitung. Ein Funkenschwarm, der überspringt bis in die letzte Reihe. 

   Über das Shakespeare-Projekt mit Keraamika berichten wir noch!  

 

Wolfgang Nußbaumer

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