Irgendwo? Auf der Treppe! Empfehlung

In der Bar zum Krokodil träumt Greta (Jasmin Eberl) von der Liebe und einer besseren Zukunft. (Im Hintergrund: Mario Gremlich, Rob Pitcher) In der Bar zum Krokodil träumt Greta (Jasmin Eberl) von der Liebe und einer besseren Zukunft. (Im Hintergrund: Mario Gremlich, Rob Pitcher) Fotos: Jürgen Weller

Wenn die Michaelskirche zum Bahnhof wird und auf der Treppe die Post abgeht, bleibt kein Auge trocken – aus Spaß an der Freud’ und aus Rührung.

    Manchmal weichen Freude und Rührung heißem Zorn. Weil „In der Bar zum Krokodil“ kein Blatt vor den Mund genommen wird. Was zählt ist die Wahrheit.

    Die Komponisten und Texter Friedrich Hollaender, Otto Reutter und Kurt Tucholsky, um nur einige zu nennen, haben sie zum Klingen gebracht. Ihre Lieder sagen mehr als 1000 Worte. Ein sing-, spiel- und tanzfreudiges Ensemble verwandelt das von Intendant Christian Doll und dem musikalischen Leiter der Festspiele, Heiko Lippmann entwickelte Stück in der treffsicheren Inszenierung von Ulf Dietrich in einen temperamentvollen Bilderbogen der „Wilden Zwanzigerjahre“; mit einem Schmähblick auf die folgenden „1000 Jahre“ und einem kessen finalen Potpourri.

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Greta (Jasmin Eberl) könnte über den Charme von Heinrich (Nico Went) fast vergessen, dass sie eigentlich auf die Heimkehr von Max (Udo Eickelmann) wartet.

 

    Bevor jedoch in der Bar die Korken knallen, humpelt ein Kriegskrüppel, der dem schonungslosen Zeichenkabinett eines Otto Dix entsprungen sein könnte, aus der Kirchenpforte. Als zynischer Kommentar verweist er auf die Haltung der Kirchen im Weltkrieg.  "Wer heute gesund ist und die Waffen tragen kann, der gehört in die Schützengräben“, hat ein protestantischer Geistlicher gepredigt. Auf den Soldaten Max wartet sein Mädel. Der Heimkehrer indes fühlt keine Heimat mehr in sich. Dafür kräht der feiste Kapitalist und Kriegsgewinnler Wilhelm „Seh’n Sie, darum ist es schade, dass der Krieg zu Ende ist.“

   Der Regisseur und die für die Klamotten zuständige Monika Seidl haben offensichtlich die Maler der „Neuen Sachlichkeit“ genau studiert. Ihre Typologie passt. Wie die treppentaugliche Choreographie. Bühnenbildner Dietmar Teßmann hat den Spielort sparsam möbliert, damit der Tanz durch die Jahrzehnte nicht zum Hürdenlauf wird.

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   Im Berlin der Zwanziger genießen alle das Leben zwischen der Erfahrung des Weltkriegs und dem Ausblick auf eine unsichere Zukunft angesichts von Inflation und der sich abzeichnenden Weltwirtschaftskrise in vollen Zügen. Man liebt sich querbeet. „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben“, hat der jüdische Librettist Alfred Grünwald zur Musik des ebenfalls jüdischen Oscar Straus getextet. Das haben sich auch die schlanke Greta mit den endlos langen Beinen von Jasmin Eberl; deren lebenspraktische blonde Freundin Klara (Maja Sikora), die gerne mit dem Po wackelt und die Journalistin Erika (Anja Gutgesell), der man(n) nichts vormachen kann, gefragt. Schließlich die Barbesitzerin Gertrud, der Petra Welteroth ein bisschen mehr abgeklärten Sarkasmus hätte mitgeben dürfen.

   So viel jüdische Kreativität vertragen die Antisemiten von rechts und links aber gar nicht. Deren krude Ressentiments spießt der Revuekomponist und Kabarettist Friedrich Hollaender 1931 in seinem Lied „An allem sind die Juden schuld“ auf. Zwei Jahre später emigriert Hollaender. 87 Jahre später und mit dem Brandmal des Holocaust auf der deutschen Geschichte hört man dieses spöttische Lied mit ganz anderen Ohren. Aus dem Spott war blutiger Ernst geworden. Man fröstelt in der lauen Sommernacht. Doch gleich wird es einem wieder warm ums Herz; so beherzt singen die Protagonisten und vier Statisten zur wie immer glänzend präsenten Musik des Salonorchesters.

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In der „Bar zum Krokodil“ kommt man sich näher (Maja Sikora, Mario Gremlich, Jasmin Eberl, Nico Went).

 

     Über der Frauenpower darf man die Herren nicht vergessen. Den selbstgefälligen Kapitalisten-Kotzbrocken Wilhelm des Mario Gremlich; Nico Went als jungen linken Idealisten mit einem Herz für schöne Frauen, Udo Eickelmann als Krüppel und in weiteren Rollen sowie Rico Pilcher als erfolgreicher Sänger Hans – Johannes Heesters hätte ihm seinen Segen gegeben. 

    Ein ganzes schier unerschöpfliches Füllhorn an Liedern, Songs und Ohrwürmern haben sie über die Treppe ausgeschüttet, dass man die Noten förmlich runterfließen sieht. 90 starke Minuten ohne einen Moment der Langeweile. Dafür einen langen Augenblick des bewegten Innehaltens als Petra Welteroth dieses beglückend optimistische Chanson aus der Feder des großen deutschen – und natürlich jüdischen – Komponisten Werner Richard Heymann intoniert: „Irgendwo auf der Welt“.

 

Wolfgang Nußbaumer 

 

Info: Die Revue wird noch bis 24. August täglich um 20.30 Uhr gespielt. Karten und Informationen: Telefon 0791.751-600 | www.freilichtspiele-hall.de   

       

  

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